Die Bestie I: Das Heiligtum #01

Teil III der Vorgeschichte zur Bestie startet mit neuen Charakteren im weit entfernten Indien. Dort verdingt sich der geschätzte Mr. Philip Arthur als erfolgreicher Ingenieur und Geschäftsmann. Im Folgenden werden die Erlebnisse seiner Abenteuer in diesem so exotischen Land sehr plastisch geschildert.

Wir schreiben das Jahr 1928 und wir befinden uns in Bombay. Das Wetter im März ist warm und schwül. Menschenmengen wogen durch die engen Straßen. Pferde und Kühe verteilen ihre Hinterlassenschaften allerorten. Die indischen Einheimischen stehen diesen Ereignissen gleichmütig gegenüber, nein, vielmehr sehen sie in ihnen Zeichen kosmischer Ordnung.

Wenden wir unseren Blick nun zwei Zeitgenossen zu, die mit diesen Ereignissen zunächst nichts zu tun haben, dann aber eine Reise antreten werden, die alle ihre bisherigen Weltanschauungen und Prinzipien, soweit man das so nennen kann, in Zweifel ziehen werden. Ein Brief, der eine delikate Aufgabe verspricht, lockt jeweils Philip Arthur, steil aufstrebender und bereits wohlhabender Eisenbahnplaner, und Gräfin Despina von Bodenschwing, reich und gelangweilt vom Müßiggang, in den Royal Bombay Yacht Club zu Mr. Giles Wexby.

Im Royal Bombay Yacht Club verkehren nur die oberen 10.000, nein, die oberen 1.000 von Bombay. Die Gräfin ist diesen Umgang bereits gewohnt, Philip Arthur hingegen sieht sich auf dem Weg nach ganz oben. Der Auftrag, den Mr. Wexby den beiden am Nachmittag offeriert, scheint ziemlich banal. Mr. Wexby tritt für Kunden, die im Hintergrund bleiben wollen, als Mittler auf, um in einer Nebengasse in einem Stadtviertel von Jaipur, einer kleinen Stadt östlich von Bombay, Grundstücke für ein Bauvorhaben zu erwerben. Alle Grundstücke konnten bereits erworben werden. Alle … bis auf eines.

Dieses kleine unscheinbare Grundstück ist mit einer kleinen Lehmhütte bebaut. Die Eigentumsverhältnisse scheinen klar. Der ursprüngliche Eigentümer Nripesh Aandaleeb Kulkarini ist vor 4 Jahren kinderlos verstorben. Erbe ist der Guru Rhon-Paku. Der Kaufpreis soll höchstens 1.500 Rupien betragen (für unsere Protagonisten eine lächerlich kleine Summe). Entsprechende Kaufverträge sind in indischer und englischer Sprache bereits vorbereitet und müssten lediglich von dem Eigentümer Rhon-Paku persönlich unterzeichnet werden. Solche eine Aufgabe wäre unserer Protagonisten im Grunde genommen nicht würdig.

Nun kommen wir zum schwierigen Teil des Aufgabenkomplexes. Mr. Wexby ist es bisher nicht gelungen, überhaupt Kontakt mit Rhon-Paku aufzunehmen. Er kann auch nicht sagen, wo sich Rhon-Paku aufhält. Rhon-Paku verkehrt außerhalb seiner Glaubensgemeinschaft nur postalisch und bedient sich dabei verschiedener Mittelsmänner. In Jaipur werden Briefe von einem gewissen Hemchandra Omprakash Savarkar aufgegeben. Der Empfänger der Briefe in Bombay ist die Pradeesh & Co. Postal Service geführt von einem gewissen Rhadam Pradeesh. Schriftliche Anfragen an Rhon-Paku durch Mr. Wexby sind unbeantwortet geblieben. Diese mysteriöse Geheimnistuerei weckt in der Gräfin sofort ihre Abenteuerlust. Der Müßiggang hat ein Ende, ein Abenteuer lockt!

Mr. Arthur ist zwar nicht übermäßig von diesem eher banalen Dienstbotenauftrag, der seiner im Grunde genommen unwürdig ist, begeistert. Die Aussicht auf neue überragende Kontakte weckt aber auch in ihm den Tatendrang … außerdem tun nun die beiden Erfrischungs-Whiskey-Soda ihre Wirkung und lassen bei ihm alle Vorsicht in den Hintergrund treten. Dank seines Wirkens in Indien ist Mr. Philip bekannt, dass es sich bei Jaipur um ein recht unabhängiges Fürstentum innerhalb Indien handelt. Es wird regiert von dem minderjährigen Maharadscha Jai Singh II. Der höchste britische Beamte in Jaipur ist Colonel Robert Arthur Edward Benn als Leiter der Residenz des Indian Political Department in Jaipur. Er sollte aber nur in absoluten Notfällen und sehr diskret miteinbezogen werden.

Unser frisch vereintes Traum-Duo ersinnt sofort einen Masterplan. In Bombay soll am nächsten Morgen (also so ab 10:00 Uhr, nur nicht zu früh) der Pradeesh & Co. Postal Service aufgesucht werden, um mehr Hintergrundinformationen zu sammeln. Gesagt, getan. Die Gräfin holt am nächsten Morgen Mr. Arthur mit ihrem Mercedes Luxusgefährt samt indischen Fahrer (ab jetzt nur noch “Boy” genannt) ab. Durch investigative Maßnahmen (Boy hört sich um) finden die beiden Ermittler die Adresse des Postal Service heraus und fahren dorthin. Der Postal Service ist in einem sechsstöckigen Haus untergebracht, wo noch viele andere Kleinunternehmen ihren Sitz haben. Das Gebäude liegt in einem eher einfachen Wohngebiet mit den üblichen dichtgedrängten Straßen, spielenden Kindern und dem Unrat von Tieren auf den Straßen und Wegen.

Bei der Annäherung an das Gebäude stellt sich den Investigatoren die erste echte Herausforderung entgegen: Vor dem Haupteingang des Gebäudes liegt eine Kuh und versperrt des Zugang. Eine Gruppe Inder wartet geduldig. Unsere Investigatoren wollen nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen (Luxuskarosse und noble Kleidung der beiden scheinen die ansässigen Kinder bereits ausreichend in Ehrfurcht und Erstaunen versetzt zu haben). Daher fragt die Gräfin feinfühlig ihren Boy, was es mit der Kuh auf sich habe. Der Boy erklärt daraufhin, die Kuh sei heilig und alle würden warten, bis die Kuh von alleine den Weg freigibt. Mr. Arthur hält es für eine gute Idee, in diesem Fall die einheimischen kultischen Rituale zu respektieren und begibt sich auf Erkundungstour hinter das Gebäude auf der Suche nach einem Hintereingang. Seine Abenteuerlust (und sein Glück) werden belohnt. Die Gräfin, Mr. Arthur und der Boy betreten das Gebäude durch den Hintereingang. Durch die Flure, an Türen vorbei über eine Treppe erreichen sie schließlich im 2. Stock des Gebäudes den Eingang zum Postal Service.

Dort wartet die nächste Herausforderung. Die Tür ist geschlossen, möglicherweise sogar verschlossen. Die Gräfin tut umgehen kund, dass für sie ob der Umstände und des Schmutzes ein Anklopfen nicht in Frage kommt. Mr. Arthur ist der Schmutz ebenfalls unangenehm und auch die feinen Lederhandschuhe scheinen ihm nicht ausreichend Schutz zu bieten. Aber der blitzgescheite Mr. Arthur hat eine zündende Idee: Er lässt den Boy anklopfen. Tatsächlich wird die Tür daraufhin von einem Mann geöffnet, der sich als Rhadam Pradeesh vorstellt und den Postal Service als Ein-Mann-Unternehmen führt. Ermutigt davon, die Herausforderung der Tür gemeistert zu haben, beginnen unsere Protagonisten damit, harte Fragen zu stellen (wobei der eine oder andere Rupienschein die Zunge des Herrn Pradeesh zusätzlich lockert). Neben den bereits bekannten Fakten finden die Beiden folgendes heraus:

Der Kontakt in Jaipur ist ein gewisser Hemchandra Omprakash Savarkar. Die Entlohnung für die erbrachten Dienstleistungen wird von der Bank of Honkong angewiesen.

Nunmehr nutzen unsere beiden Investigatoren samt Boy die von Mr. Wexby gestellten Auslagen und fahren im Zug 17 Stunden lang nach Jaipur (Mr. Arthur macht dabei die Erfahrung, dass es hinter dem Speisewagen noch andere Wagen neben der 1. Klasse gibt … unvorstellbar).

In Jaipur angekommen beginnen unsere beiden Helden mit den Ermittlungen, indem vor Ort weitere Erkundigungen eingeholt werden. Zunächst suchen sie Hemchandra auf, der zusammen mit seiner Großfamilie lebt und den Kontakt zur Außenwelt für Rhon-Paku in Jaipur bildet. Zunächst gibt er sich der Rhon-Paku Sekte gegenüber loyal, aber kleine Geldschiffchen lockern auch seine Zunge. Folgendes kommt zu Tage (was wie eine recht ungeordnete Faktensammlung wirkt … wozu das wohl noch gut sein wird):

  • Nripesh war ein Puppenmacher. Zum Ende seines Lebens hin stieß er zur Sekte um Rhon-Paku.
  • Eine gewisse Mrs. Widdrington wohnt irgendwo im Dschungel bei der Sekte. Sie übernimmt alle geschäftlichen Aktivitäten.

Hemchandra erklärt sich bereit, unsere beiden Ermittler am nächsten Morgen zu der Rhon-Paku Sekte zu führen. Sie müssen ihm aber versichern, niemandem zu erzählen, er hätte sie dort hingeführt.

Ein Besuch der Stadtverwaltung (der zu einem Teil mit langem, würdelosem Warten … Hüstel … warten lassen in der Schlange vor den Schaltern verbunden war) bringt nur wenig Neuigkeiten. Es wird mit Hilfe von Bestechungsgeldern lediglich bestätigt, dass die Grundstücke um Rhon-Pakus kleinem Grundstück von der Wexby Holding aufgekauft wurden. Ein konkretes Bauprojekt ist nicht bekannt, eine Genehmigung scheint noch nicht beantragt zu sein.

Es gibt noch eine verlockende Treppe nach oben. Diese wird aber von zwei griesgrämig drein schauenden Sicherheitsbeamten bewacht, die sogar dem Charme und den Überredungskünsten der Gräfin widerstehen können.

Nächster Anlaufpunkt ist die Jaipur Times, die zentrale Zeitung für Jaipur. Der für das Archiv zuständige Redakteur verweigert unseren Ermittlern trotz einer Charmeoffensive den Zutritt zu dem Archiv. Immerhin gibt er an, dass sich außerhalb Jaipurs im Galta-Tal unzählige Schreine und Heiligtümer befinden, die den verschiedensten Gottheiten gewidmet sind (davon scheint es in Indien unzählige zu geben), darunter Rama, Vishnu, Krishna, usw.

Das eigentliche Objekt und Anlass dieser Reise ist relativ belanglos. Das Grundstück des Rhon-Paku ist klein und mit einer hässlichen, leeren Lehmhütte bebaut. Todesmutig ignorieren unsere Ermittler das “Betreten verboten” Schild und überwinden einen Zaun (ein mittelschweres Hindernis). Zur Belohnung befindet sich in der Hütte absolut nichts. Immerhin ergibt die Befragung der Einheimischen, dass gelegentlich, örtlich begrenzt auf dieses Viertel, die Beulenpest ausbrach. Allerdings sind die hygienischen Bedingungen vor Ort nicht sehr gut. Daher muss diesem Umstand nicht zwingend viel Bedeutung beigemessen werden.

Der Boy bereitet die morgendliche Expedition vor (inklusive einer Machete) und auch Philip Arthur erwirbt in weiser Voraussicht einen Rucksack mit Wasserflaschen.

Am nächsten Morgen geht es auf Abenteuersafari. Ein Pritschenwagen bringt das Grüppchen vor die Stadt zum Pass zum Galtatal. Eine mehrstündige Wanderung über Stock und Stein, vorbei an unzähligen kleinen Tempeln, mal aktiv bewirtschaftet, mal halb verfallen, über serpentinenartige Auf- und Abstiege führt schließlich zum Weg zu einer Lichtung. Hemchandra weist darauf hin, dass dort die Rhon-Paku Sekte residiere und macht sich auf den Rückweg.

Im Hintergrund der Lichtung befindet sich eine Tempelanlage, die in die Felswand geschlagen zu sein scheint. An den Ecken der Tempelanlage sind runde Baldachine zu sehen. Davor befinden sich fünf Gebäude unterschiedlicher Größe. Eine weitere kleine Hütte aus Baumstämmen mit Wellblech befindet sich direkt am Eingang der Lichtung. Dort steht auch ein einfacher Tisch mit vier Klappstühlen. Eine Frau und ein Mann warten dort. Unsere tapferen Recken sprechen die beiden forsch an. Sie werden willkommen geheißen bei der Gemeinschaft des Rhon-Paku. Sie erfahren, dass diese Gemeinschaft für den transzendeten Weltfrieden betet. Das Anliegen über den Grundstückerwerb wird vorgetragen und sodann wird Augusta Widdrington hinzugeholt, um die folgenden Verhandlungen zu führen. Die blonde und blauäugige, geheimnisvolle und sinnliche Schönheit (ja, jaaaaa, Mr. Arthur ist sofort angetan von ihr) mit europäischen Wurzeln in einem Blumen-Sari gibt an, allen weltlichen Dingen entsagt zu haben. Daher seien bereits die Verhandlungen über den Verkauf des Grundstücks nicht möglich, weil sie weltliche Dinge betreffen. Der Einwand Mr. Arthurs, wenn die Sekte allen weltlichen Dingen entsagt hätten, käme es doch auf das Grundstück gar nicht mehr an, wird ignoriert.

Eine erneute Überredungsoffensive der Gräfin scheitert kläglich. Nur der Charme Mr. Arthurs kann die Situation vorübergehend retten. Augusta führt die beiden in der Lichtung herum und zeigt ihnen alles. Der Tempel bleibt ihnen aber verwehrt. Ein Treffen mit Rhon-Paku sei nur möglich, wenn man Mitglied der Sekte wird und allem Weltlichen entsagt. Und das reinen Herzens. Also nicht nur so hingesagt. Die Gräfin wirkt nicht erbaut darüber und scheint innerlich nicht bereit zu sein. Mr. Arthur prüft die verschiedenen Möglichkeiten sorgfältig. Auch er ist nicht bereit, für einen einfachen Geschäftsabschluss seine Weltanschauung zu opfern (die Verlockung ist nicht groß genug … bei der Rhon-Paku Sekte nächtigen Männlein und Weiblein getrennt, um nicht in Versuchung geführt zu werden).

Daher verlassen die beiden Ermittler unverrichteter Dinge die Sekte um in einiger Entfernung die Lage und die Möglichkeiten zu analysieren. Den weiten Weg ohne irgendein Ergebnis auf sich genommen zu haben erscheint beiden unbefriedigend. Man kommt überein gegen Abend ein Anschleichmanöver über den östlich gelegenen Dschungel zu starten, um das Lager des Nachts zu observieren. Nachdem sie gefühlt (eine Uhr ist nicht vorhanden) vier Stunden durch den Dschungel stolpern, erreichen sie dank des überragenden Orientierungssinns der Gräfin den östlichen Rand der Lichtung. Hinter ihnen ist ein Teil des Dschungels dank der Machete des Boys gerodet.

Sie beobachten, wie das Lager zur Ruhe kommt. Ansonsten passiert nichts. Um nicht völlig umsonst dagewesen zu sein, bewegen sich die beiden leise zum Tempel, um wenigstens diesen in Augenschein genommen zu haben. Die messingbeschlagene Holztür ist verschlossen. Es befinden sich Zeichen auf der Tür, die die Gräfin nicht richtig deuten kann, aber in ihr Notizbüchlein kopiert. Der Tempel selber ist aus rosa Sandstein gehauen. Ursprünglich vorhandene Figuren, die in den Sandstein eingemeißelt waren, sind weggeschliffen worden. Die Beiden wollen nunmehr leise in Richtung Ausgang der Lichtung gelangen, scheitern aber kläglich dabei, leise zu sein. Ein Fehltritt, ein Scheppern, einzelne Sektenmitglieder werden wach und sehen nach, was los ist. Alle rennen los. Mehr oder weniger sicher gelingt die Flucht vor den pazifistischen Sektenmitgliedern. Eine unwürdige Nacht in einem heruntergekommen Affentempel samt Affen und ein weiter Fußmarsch führt zurück nach Jaipur.

Erfrischungsgetränke, Essen und der Luxus eines Bettes lassen die abenteuerlichen Geschehnisse etwas verblassen. Die beiden suchen das Stadtamt und verschiede Gurus auf, um herauszufinden, was es mit den Zeichen auf der Tür auf sich hat. Darauf gibt es keine Antwort. Ihnen kann auch niemand sagen, ob es Gotteslästerung ist, vorhandene Reliefs aus Tempels wegzuschleifen. Verzweifelt werden erneut die Möglichkeiten erörtert. Wenn der Sekte das Grundstück egal ist, dann könnte man doch jemanden, den man in Indien für Geld sicher leicht findet, engagieren, der vielleicht, möglicherweise, “in Vertretung” des Rhon-Paku auf den Kaufverträgen unterschreibt. Wen sollte das interessieren?


Geschrieben von Legion69

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