Die Bestie – Eine Rückschau

Vom 17. August 2015 bis 16. März 2018 haben wir die Cthulhu-Kampagne Die Bestie gespielt. Genauer gesagt erfolgte der Auftakt damals durch das noch nicht vollständig übersetzte und veröffentlichte Crimson Letters (In der Tinte) aus dem 7E Grundregelwerk (08. Mai – 20. Juli 2015). Mal abgesehen von diesem Abenteuer (was absolut spielenswert ist), stellt sich in der Rückbetrachtung die Frage, ob sich Die Bestie lohnt oder nicht.

Erscheinung

Die Bestie kommt in drei Bänden daher, die mit Stand heute (typischerweise für viele Cthulhu-Produkte) nur mit ganz viel Glück oder aber zu lustigen Preisen (80,00 EUR aufwärts das Stück) zu haben sind. Band II scheint dabei noch bei verschiedenen Anbietern zum normalen VK von knapp 40,00 EUR zu haben zu sein. Beim Rest sieht es schlechter aus.

Ebenfalls typisch für die damalige Produktlinie ist das Hardcover, sowie die (gefühlt) zu kleine Schrift auf dunklem bzw. mit Grafikelementen versehenen Hintergrund. Dies hat mich in der gesamten Spielzeit viele Nerven gekostet, da es sowohl am Spieltisch, als auch grundsätzlich bei nicht optimalen Lichtverhältnissen schwer bis fast überhaupt nicht lesbar ist. Ein ganz dicker Minuspunkt, der in der aktuellen Produktlinie zum Glück behoben worden ist.

Aufteilung

Band I beginnt mit einer rund 20-seitigen Einführung in die Haupthandlung. Diese wird man vermutlich mehrmals studieren müssen, da sich der Plot über etliche Jahrhunderte erstreckt und jede Menge Namen und Daten fallen. Dankenswerterweise gibt es eine Zeitleiste, die einem die Geschehnisse optisch etwas angenehmer präsentiert. Danach folgen sechs Abenteuer, quasi das erste Drittel der Kampagne. Und dann … ja, dann folgt ein Hintergrundabschnitt von 58 Seiten über … Indien. Dabei spielt nur ein einziges Abenteuer regulär dort und das kann ein geneigter SL auch durchaus ohne derart viel Regionalia-Informationen leiten.

Band II: Sechs Abenteuer und über 100 (!) Seiten zu Boston und anderen Regionen. Band III: Sechs Abenteuer und 90 Seiten nur für San Francisco (!!). Ernsthaft? Wer liest sich das alles durch und vor allem, ist das für 1-2 Mal Besuch innerhalb der Kampagne wirklich notwendig? Oder musste man drei Bände füllen? Man hält also die ganze Zeit über jede Menge Papier in den Händen, die man sehr wahrscheinlich nicht brauchen wird.

Struktur

Zum Thema Struktur. Informationen in der Kampagne wiederzufinden ist eine große Kunst. Teilweise sind wichtige Details zu NSC, Gegenständen, etc. im Fließtext eines Abenteuers untergebracht. Wenn man so etwas gezielt wiederfinden möchte, dann hat hoffentlich jemand aus der Runde genau Tagebuch geführt (wie bei uns) oder man blättert … lange. Beispielsweise gibt es zwei essentielle Zauber, die wiederum nicht wirklich ausführlich beschrieben werden – und auch nur in Mitten des letzten Abenteuers. Anstatt dessen gibt es knapp 250 Seiten für Regionen … sehr schön.

Handlungsfreiheit (Railroading)

Die Bestie ist ein gnadenloser Schlauch. Die Charaktere werden durch externe Ereignisse auf die Spur des jeweils nächsten Abschnittes gebracht. Zumeist erhalten sie sogar direkt einen Brief oder einen Anruf. Es gibt viele Stellen, an denen exakt eine bestimmte Information/Hinweis/Gegenstand gefunden werden muss, ansonsten ist der Aufhänger für den nächsten Akt dahin. Eine der am schlimmsten Szenen war die Flucht aus einem brennenden (großen) Gebäudekomplex inklusive wuselnder Gegnerscharen. Hier musste die Gruppe noch zwingend in Raum X und Y gelotst werden, damit Gegenstände A und B mitgenommen werden konnten. Ätzend.

Die Bedeutung von Entscheidungen der Charaktere ist zudem eher gering. Jedenfalls habe ich das so wahrgenommen. Ob nun mal links oder rechts herum gegangen wird oder die eine oder andere Sache gemacht (oder nicht gemacht) wird, ist prinzipiell von eher untergeordneter Bedeutung. Erst zum Ende hin müssen sich die Spieler wirklich eigene Entscheidungen und eine eigenständige Vorgehensweise einfallen lassen.

Charaktergruppen

Die Bestie setzt auf insgesamt drei verschiedene Charaktergruppen. Das bedeutet, dass die Spieler sich möglicherweise häufig in wechselnden Charakteren wiederfinden. Das wiederum führt dazu, dass bspw. die Frage “wer hat welchen Gegenstand”, “wer hat mit welchem NSC gesprochen” oder “wer war schon einmal an welchem Ort” mit der Zeit schwierig zu beantworten ist, es sei denn, jemand führt Tagebuch.

Haupthandlung

Die Haupthandlung ist die Perle der Kampagne. Sie ist wirklich gut und hat etliche Szenen im späteren Verlauf, die ihrerseits Rückgriffe auf bereits durchlebte Abschnitte bieten. Die Gegenspieler sind schön böse und jeweils eigenständig ausgestaltet. Das ist ein wirklicher Pluspunkt für Die Bestie.

Einzelne Kapitel

Man bekommt schnell den Eindruck, dass – um den Weg bis zum letzten Kapitel zu füllen – vielfach ein Monster of the Week das nächste jagt. Ja, es sind schöne Abenteuer in den 18 Kapiteln enthalten. Einige an großartigen Schauplätzen, andere mit tollen Plots und Szenen. Andere wiederum haben mit der eigentlichen Haupthandlung nicht viel zu tun bzw. ihre Verstrickung darin ist extrem konstruiert. Aus Band III habe ich drei Kapitel herausgelassen, weil sie wieder nur ein “finde den Hinweis X um bei Y weiterzumachen” beinhaltet hätten.

Fazit

Lohnt sich nun der Erwerb der Kampagne? In Anbetracht der Zeit, die einen Die Bestie “kosten” wird, sollte eine solche Entscheidung gut überlegt sein. Ursprünglich lag Die Bestie bei 120 EUR in der Anschaffung. Dafür erhält man 18 Abenteuer und jede Menge verzichtbare Hintergrundinfos. Man erhält zudem schlecht lesbare Seiten und eine Menge Railroading; plus nicht optimal strukturierte Informationen für den SL.

Da man das prinzipiell von vielen (alten) Cthulhu-Publikationen gewohnt ist, wird der Schock sich vermutlich in Grenzen halten. Auf der Habenseite wird man über viele, viele Wochen ein paar sehr gute Szenen erleben und sich durch den Rest irgendwie durchkämpfen.

Wenn man die Gelegenheit hat, Die Bestie günstig zu erstehen und die eigene Gruppe Spaß an weltumspannenden Metaplots hat, dann wird man den Kauf sicherlich nicht bereuen. Für weit über 200 EUR, die da momentan auf diversen Seiten im Raum stehen, halte ich das Gesamtwerk allerdings für viel zu teuer. Da kann sicherlich besser investiert werden.

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