The Last Equation

Es wird wieder Zeit für einen Auftrag der “B-Zelle” in Delta Green, das eine angenehme Abwechslung zum klassischen 1920er Jahre Cthulhu-Setting darstellt und wirklich einen Blick wert ist.

Delta Green Team “B-Zelle”:

  • Balon
  • Blake
  • Ben
  • (Thomas Blanet)

12. November 2016

Nach der letzten Aktion in Lafontaine hatte ich recht lange Ruhe vor neuen Aufträgen. Einerseits war das natürlich Mist, weil sich die verdammten Schulden ja nicht von alleine abzahlen, auf der anderen Seite war ich gar nicht so versessen auf eine neue Mission. Das letzte Mal steckte mir immer noch in den Knochen.

Du kannst Dir ja denken, dass das Ganze nach der ersten Mission nicht erledigt war. Als ich wieder heimkam, wurde ich erstmal von Sascha in die Mangel genommen, weil ich einfach so verschwunden bin und mich nicht gemeldet habe. Und da ich scheinbar im Schlaf auch noch mehrfach den Namen „Pamela“ gemurmelt habe, gab es richtig Streit. Was hätte ich ihr auch sagen sollen? „Ach, das ist nur die Frau, die von einem Affenparasiten befallen war, aber mach Dir keine Sorgen, ich musste ihr mit einer Axt den Schädel spalten, die ist keine Konkurrenz.“

Mein Bruder und Balon sind auch beide schon schwerstens genervt, weil ich mich kaum noch blicken lasse. Das ist vermutlich das Schlimmste an der ganzen Sache, dass ich niemandem erzählen kann, was wirklich passiert ist. Na ja gut, fast niemandem. Du erinnerst Dich an den „kalten Fisch“, die FBI-Frau? Tja, wie sich herausgestellt hat, ist die gar nicht so zickig wie ich ursprünglich dachte. Wir haben uns ein paarmal getroffen und telefoniert, das macht’s mit Sascha jetzt auch nicht unbedingt einfacher. Aber immerhin ist da jemand, der die ganze Scheiße versteht.

Ok, ich höre jetzt mal mit dem Rumgeheule auf und schreibe Dir, was diesmal passiert ist. Ich hab ein Paket bekommen mit einer Glock und einem Brief. Die Knarre hat mich misstrauisch gemacht, weil sie uns das letzte Mal ohne Waffen losgeschickt haben. In dem Brief stand, dass wir uns in Alliance, einem kleinen Kaff in der Nähe von New York, sammeln sollten. Da hat ein offenbar durchgedrehter Mathestudent namens Michael Wei die achtköpfige Familie Ridgeway umgenietet. Der Typ hat am Tatort irgendwelche kruden Zahlen hinterlassen, die laut Brief extrem gefährlich sein sollten. Unser Auftrag: Die Zahlen und alle Aufzeichnungen dazu vernichten, dem Studenten ein Verhältnis mit der Mutter unterschieben und alle Mathematikexperten, die Zugang zu den Zahlen hatten, unserem Kontakt melden.

Vor Ort sollte uns ein State Trooper namens Thomas Blanet unterstützen, der zwar nicht in die wahre Natur von Delta Green eingeweiht ist, aber zumindest ein wenig mehr weiß als der Rest. Wir sollten uns als FBI-Agenten tarnen, die mit der Untersuchung des Massakers betreut wurden. Die haben mir den bescheuerten Namen „Craig G. Kerstetter“ verpasst, wer denkt sich immer diese Namen aus? Blake wurde als Leiterin des Teams ausgegeben, da sie ja wirklich für das FBI arbeitet. Das war ganz schön riskant für uns, weil sie hier unter ihrem richtigen Namen operieren musste. Wir konnten uns also nicht wie beim letzten Mal unauffällig aus dem Staub machen.

Und die Sache hatte noch weitere Haken. Wir waren nicht die einzigen Ermittler, sondern mussten uns mit einem Agent Aiden Canor abstimmen. Der hatte sein eigenes Team dabei, einen Agent Gant und so eine blasse Erscheinung namens Sarah Comox. Die war Kryptologin und somit ein großes Problem. Wenn hier irgendjemand mit den Zahlen von Wei etwas anfangen konnte, dann sie.

Und als wäre das alles nicht genug, hatte der Mord scheinbar sämtliche Fernsehteams der USA angelockt, die jetzt über das Ridgeway Blutbad berichteten. Passierte in diesem Land denn sonst nichts Wichtiges? Die gingen uns also auch noch auf den Sack. Gleich nach unserer Ankunft hat sich so ein Schleimbeutel auf Blake gestürzt und sie mit Fragen gelöchert. Was wohl los ist, wenn mich jemand in den Nachrichten wieder erkennt.

Alliance war wie vermutet ein abgewracktes kleines Nest mit einer Hauptstraße, aber immerhin schön übersichtlich. Wir haben uns im Motel 6 einquartiert und sind dann gleich zum Tatort gefahren. Auch da hatten sich die Pressegeier schon breit gemacht. Wir haben sofort die Zahlenkolonne gesehen, die der Verrückte mit roter Farbe an die Mauer gesprüht hat. Die Comox hat sich das notiert, wusste aber nicht auf Anhieb, was das bedeuten könnte.

Vor dem Haus gab es zwei Kreideumrisse, Wei hat einen der Brüder scheinbar bis nach draußen verfolgt, ihn da erschossen und sich dann selbst gerichtet. Das bestätigten auch ein paar Zeugen. Das Haus selbst war genauso typisch wie das ganze Kaff. Arbeiterklasse, ein Haufen Kinder, weil man hier ja sonst nichts zu tun hat, hässliche Einrichtung und keinerlei Hinweis, wieso Wei ausgerechnet diese Familie getötet hat. Uns fiel nur auf, dass die Uhr im Wohnzimmer stehengeblieben und gesprungen war. Da sich dort keine Kugeln fanden, kam uns das schon etwas merkwürdig vor.

Ich erinnerte mich an den Auftrag, dem Studenten eine Affäre mit der Mutter unterzuschieben, und suchte nach einem einigermaßen schmeichelhaften Bild der Frau. Nicht ganz einfach, aber nach acht Kindern auch kein Wunder. Dann steckte ich noch eine Kette mit ihrem Namen ein, um das später bei Wei zu platzieren. War schon lustig, normalerweise bin ich ja derjenige, der solche Beweise verschwinden lassen muss.

Die Mordwaffe war eine Schrotflinte aus einem Polizeirevier in New York. Die meinten da aber, es werde keine Waffe vermisst, das wollten wir uns später noch genauer ansehen. Ben hat draußen unter einem Busch noch die Tasche entdeckt, in der die Flinte transportiert worden war. Später wurde dann auch ein alter Suzuki gefunden, der Wei gehört hat und mit dem er hergefahren ist. Aber ein Motiv war nicht auszumachen.

Da es jetzt schon zu spät war, um Weis Bude zu untersuchen, sind wir stattdessen zur Gerichtsmedizin gefahren. Ich hatte keinen Bock auf Leichen und hab mir die Habseligkeiten von Wei angeschaut. Als Geburtsort war in seinem Pass Altamira angegeben, ich dachte, ich sehe nicht richtig. Das war dieses verrottete Wanderdorf, über das Whitehead geschrieben hat und in dem schließlich die Affenmonster aufgetaucht waren! Ich bin ja wirklich nicht abergläubisch, aber das war dann doch ein ziemlicher Klopper. Ansonsten gab es aber nicht viel zu entdecken. Ich hab seinen Schlüsselbund eingesteckt und bin zurück zu den Anderen.

Abends gab es noch ein kurzes Meeting mit Canor und seinen Leuten. Die Comox war völlig in ihre Berechnungen vertieft. Irgendwie haben wir da alle schon geahnt, dass das mit ihr kein gutes Ende nimmt. Und jetzt, wo wir uns die ganzen Zahlen, die in dem Fall vorkamen, genauer anschauten, entdeckten sogar wir immer wieder Gemeinsamkeiten mit der Zahl, die Wei an die Hauswand gesprüht hat. Das war richtig abgefahren, die Hausnummer, die Waffennummer, Weis Geburtstag, die Zeit, die die Uhren im Haus und an Weis Handgelenk anzeigte.

Wir sind dann nachts nochmal losgefahren, um die Zahl an der Hauswand unkenntlich zu machen, bevor es da noch mehr Fotos und Videos von gab. Leider wurden wir von zwei Fernsehleuten verfolgt, die wir einfach nicht loswurden. Ben hat dann diesen State Trooper angerufen, Thomas Blanet. Er hatte ihn davor schon immer mal wieder zur Seite genommen, um rauszufinden, wieviel der Typ wusste und wieviel wir ihm anvertrauen konnten. Der kam dann mit seiner Bullenkarre an, während wir uns in ein Diner setzten, und hat die beiden Trottel erstmal schön überprüft. Die waren so eingeschüchtert, dass wir problemlos weiter zum Haus fahren konnten.

Da die Zahl auf der Wand recht groß war und sich weder unauffällig verändern noch wegwischen ließ, hab ich kurzen Prozess gemacht und den ganzen Scheiß einfach mit roter Farbe übermalt.

Am nächsten Morgen gab’s wieder ein Meeting. Comox rechnete jetzt in einer Tour, sah noch beschissener aus als gestern und reagierte kaum noch auf Ansprache. Schließlich hat Ben sie nochmal zum Tatort begleitet, wo sie wohl vor dem Ofen total bleich geworden ist und irgendwas von „Der Rhythmus der Primzahlen“ gestammelt hat. Was auch immer Wei da herbeigerechnet hatte, sie war ihm dicht auf den Fersen. Wir mussten uns beeilen.

An der Uni von Wei haben wir dann sein Zimmer auseinander genommen. Wie erwartet war alles voller Zettel und wirrer Notizen. Mit anderen Leuten hatte der Typ nicht viel zu tun, schon gar nicht mit Frauen, so wie das da aussah. Ich fragte mich, wer uns ernsthaft die Geschichte mit der Affäre abkaufen sollte, platzierte aber trotzdem Kette und Foto von Mrs. Ridgeway. Blake hatte sogar eine gebrauchte Unterhose mitgeschleppt, um ganz sicher zu gehen. Der arme Kerl, nie zum Zug gekommen und dann sowas. Der State Trooper war mit uns gekommen und ihm gefiel unser Vorgehen überhaupt nicht. Ben konnte ihn aber beruhigen, dass dies ja alles nur zum Schutze der Bürger geschehen würde. Naja, das Übliche halt.

Wir haben dann in seinen Unterlagen eine Kopie eines uralten Buches gefunden „The Book of many Wonders“. Das Original hieß „Libri pluris admiratio“ oder so ähnlich. Ein komischer Kauz namens Fassius Claudan hat das Teil im 16. Jahrhundert geschrieben. Wir haben uns das erstmal nicht weiter angesehen, sondern den Rechner gecheckt. Wei hatte für irgendein Rechenpuzzle namens Laqueus-Gleichung wohl die richtige Lösung gefunden. Frag mich nicht, was genau das sein soll. Es reichte uns zu wissen, dass dieses Rechenpuzzle bereits früher immer mal wieder aufgetaucht war und Wei bei der Lösung den Verstand verloren hat. Sarah Comox stand kurz davor, irre zu werden und jeder Mathematiker, der die Ergebnisse von Weis Arbeit in die Hände bekam, wohl auch. Ätzenderweise hat Wei seine Entdeckung gleich an ein paar andere Bekloppte geschickt, deren Namen wir aber rausfinden konnten.

Leider hatten sie alle schon zwei Tage Zeit gehabt, um die Gleichung zu lösen. Und genau in dem Moment sahen wir im Fernsehen einen Bericht über ein Massaker in Kalifornien. Täter war einer von unserer Liste, der seine ganze Familie und sich selbst umgebracht hat. Schöne Scheiße. Wir haben sofort unseren Kontakt angerufen und die Namen der anderen durchgegeben. Uns wurde gesagt, dass wir uns um eine Tea Markell kümmern sollen, weil die in New York wohnte. Was die Kopie des Buchs anging, war die Anweisung klar: Sofort vernichten.

Nachdem wir also alle Aufzeichnungen von Wei eingepackt hatten, sind wir zu Teas Adresse gefahren. Da wir keine Ahnung hatten, ob die Frau schon verrückt geworden war, sie aber auf unser Klopfen nicht reagierte, trat ich einfach die Tür ein. Tea Markell saß am Rechner, vor sich eine Stoppuhr und neben sich eine Knarre. Ich bin vorgestürzt und hab die Waffe weggerissen, gerade noch rechtzeitig, bevor sie danach greifen konnte. Als wir die Stoppuhr ausgeschaltet haben, ist sie völlig durchgedreht und hat geschrien. Thomas hat sie dann festgehalten und Ben gab sein Bestes, um sie zu beruhigen. Wir haben sie im Krankenhaus abgeliefert, ihre Waffe und alle Aufzeichnungen natürlich mitgenommen. Damit war zumindest ein Mathe-Freak gerettet, um die anderen musste sich unser Kontakt kümmern.

Weil wir ja gerade in der Gegend waren, haben wir dann mal bei dem Polizeirevier vorbeigeschaut, aus dem Wei die Knarre gestohlen hatte. Die haben uns ein Video gezeigt, auf dem die Waffen im Hinterhof standen. Sie wurden die ganze Zeit von einem Cop bewacht, aber um kurz nach 9 ging der Mann einmal kurz weg. Genau dann sah man Wei, wie er in den Hof ging, den Waffenkasten aufbrach und eine Schrotflinte wegnahm. Die ganze Aktion dauerte weniger als eine Minute, woher wusste er von den Waffen und wann genau sie unbewacht sind? Alle Zeiten fanden sich in der sonderbaren Zahlenkolonne von der Hauswand wieder. So langsam dämmerte uns, dass die Zahl eine Art Anleitung für Weis Verbrechen darstellte. Sie gab Wei ganz genaue Angaben, wann er wo was zu tun hatte. Mir wurde kurz etwas flau im Magen.

Spätestens jetzt war auch unser State Trooper überzeugt, dass ein bisschen Beweisfälschung doch gar nicht so schlimm wäre. Wir entsorgten also alle Aufzeichnungen von Wei und Tea, die wir bereits den ganzen Tag spazieren fuhren, während Ben und Blake in der Gerichtsmedizin dafür sorgten, dass an Mrs. Ridgeways Foto und Kette Weis Fingerabdrücke gefunden werden konnten.

Dann trafen wir uns alle im Motel wieder, wo wir sofort nach Comox suchten. Aber wie befürchtet war sie samt ihrer Dienstwaffe verschwunden. In ihrem Zimmer fanden wir dieselben Formeln und Zahlen, die wir bereits bei Wei und Tea entsorgt hatten. Auch hier spielten wir Müllabfuhr und packten alles ein. Und jetzt traf es Blake mit voller Wucht, sie meinte in allen Zahlen ein geheimes Muster zu erkennen.

Danach wurde Canor alarmiert und der ließ Comox suchen. Wir hatten keine Ahnung, wo sie sein könnte, und selbst wenn wir das anhand ihrer Berechnungen herausfinden könnten, würden wir dabei riskieren, selbst verrückt zu werden. Langsam wurden alle bekloppt. Ich sage Dir, Beth, der nächste Idiot, der mir ein Sudoku vors Gesicht hält, fängt sich eine!

Unser Auftrag war da ja immer noch nicht erfüllt, alle Aufzeichnungen der Zahl sollen vernichtet werden. Also fuhren wir zum lokalen Fernsehsender, der Teile der Zahl in seinen Berichten gezeigt hatte. Eine kurze Charme-Offensive von Ben ermöglichte es Blanet, die entsprechenden Videos zu löschen. Im Office des Sheriffs steckte ich alle Fotos ein, die die Zahl zeigten. Somit sollte der Version „Einsamer Student ermordet nach Zurückweisung seine Geliebte aus Eifersucht“ nichts mehr im Weg stehen. Die Dorfpolizei hier wird sicher froh sein, eine so einfache Lösung gefunden zu haben.

Am nächsten Morgen fanden wir uns ein letztes Mal ein. Comox war offiziell zur Fahndung ausgeschrieben, es fehlte immer noch jede Spur von ihr. Unsere Verleumdungskampagne gegen Wei und Mrs. Ridgeway war ein voller Erfolg. Nachdem die mit Fingerabdrücken übersäten Sachen von Mrs. Ridgeway gefunden worden waren, schien alles klar. Man gratulierte Blake zum erfolgreichen Abschluss der Ermittlungen und damit waren wir raus.

Zumindest vorerst. Comox tauchte natürlich wieder auf. Und zwar in den Nachrichten, weil sie in das Gebäude einer Aktienfirma eingedrungen war. Dort hatte sie Aktien im Wert von 2,3 Mio. Dollar vernichtet, das Haus in Brand gesteckt und sich dann aus dem 9. Stock gestürzt. Wir alle hatten uns schon gedacht, dass es sie erwischen würde, aber was hätten wir tun sollen? Dann machte noch einer weiterer Name von der Mail-Liste den Abflug. Ein Mathelehrer aus Wiesbaden kletterte auf einen Kirchturm und sprang. Leider riss er einen Typen mit sich, der ihn eigentlich retten wollte. Mit was für krankem Scheiß haben wir da immer zu tun? Ich bin nur froh, dass wir die ganzen Aufzeichnungen vernichtet haben. Als ob Mathe-Freaks nicht so schon verrückt genug wären.


Geschrieben von Molybdaen.

Schreibe einen Kommentar