Lover in the Ice

Wir unterbrechen das aktuelle Programm “Die Bestie” und widmen uns einem sehr kurzen und intensiven Abstecher in die Welt von Delta Green. Hier gibt es seit einiger Zeit ein neues Regelwerk inklusive eines kostenlosen Schnellstarters, so dass man sich einen guten Eindruck verschaffen kann, ob das System für die eigene Gruppe taugt.

Der nachfolgende Spielbericht zu Lover in the Ice wurde von Colby “Balon” Hardman an seine in den 1920er Jahren wirkende Verwandte Lissy Volkmarsen (ala Lissy Bucerius, aka Elisabeth Margarethe Hartmann) geschrieben.

Aufgrund der Natur des Abenteuers enthält der Bericht eine explizite Ausdrucksweise. Der nachfolgende Text ist nicht für Kinder und zartbesaitete Kultistenseelen geeignet.

Tja Beth, wo soll ich anfangen? Als Erstes muss ich mich wohl bei dir entschuldigen, weil ich dich da mit reinziehe. Ich würde den Scheiß auch nicht bei dir abladen, wenn ich eine andere Möglichkeit hätte, aber wem kann ich sonst vertrauen? Wer würde mir glauben?

Du bist vermutlich die Einzige, die mich nicht für vollkommen bekloppt hält, wenn ich mit so einem Mist ankomme. Und ich muss zugeben, dass ich mir umgekehrt da bei dir am Anfang echt nicht sicher war, all die Geschichten von Echsenmenschen und Paralleluniversen. Und wie war das noch mit dem riesigen Koboldmaki, der euch mit Kacke beworfen hat? Naja, ich hab damals auf jeden Fall gedacht, „Scheiße, die Frau muss in den 80ern mal richtig schlechten Stoff erwischt haben!“. Jetzt sehe ich das ein bisschen anders, aber lass mich von Anfang an erzählen.

Du weißt ja, dass meine Kampfsportschule ziemlich viel Geld gefressen hat. Ich brauchte dringend Kohle, wenn ich nicht demnächst Food Stamps sammeln wollte. Und da wurde ich zufälligerweise vor einiger Zeit von einem Typen angesprochen, der mich für eine Sondereinheit der Regierung anwerben wollte. Hat einen auf Geheimniskrämer gemacht, es ginge um die Bekämpfung irgendwelcher übersinnlicher Phänomene. Für mich klang das alles nach Men in Black oder Akte X, ich hab den Typen für durchgeknallt gehalten. Aber die Bezahlung war ordentlich, und da dachte ich mir eben, wenn der will, dass ich für soviel Kohle einen auf Fox Mulder mache und Gespenster jage, dann soll mir das recht sein.

Er hat mir ein Wegwerf-Handy in die Hand gedrückt und gemeint, man würde mich kontaktieren. Am 5. Januar hab ich dann tatsächlich so eine Nachricht erhalten, dass ich noch am selben Tag nach St. Louis kommen solle. Geil, hab ich gedacht, da oben ist alles schockgefroren, und ausgerechnet jetzt wollen die dich da hinschicken. Naja, blieb mir ja nichts anderes übrig, also hab ich meine Sachen gepackt und bin hin. Wie erwartet war ich nicht der Einzige, den die herbeizitiert haben. Da waren noch drei andere Typen und eine Frau, alle ziemlich schweigsam, nur der eine Kerl war die ganze Zeit am grinsen. Wir haben alle eine elendig lange Liste mit Regeln bekommen, wie wir uns im Einsatz verhalten sollten. Im Prinzip stand da so was wie „Trau niemandem, hinterlass keine Spuren und wenn man dich erwischt, hast du Pech gehabt.“

Dann kam so ein Silberrücken rein, der uns die Mission erklärt hat: In einem Kaff namens Lafontaine sollte eine Box stehen, die beschädigt worden ist und deren Inhalt für unsere Auftraggeber wichtig ist. Ein Typ namens Skip Mills, der auf die Box aufpassen sollte, ist verschwunden. Unsere Aufgabe: Box sichten, feststellen, ob etwas fehlt, Skip ausfindig machen, und alles, was vielleicht aus der Box entfernt wurde, zurückbringen. Klang erst mal machbar.

Dummerweise war dieses Drecksnest Lafontaine durch den Kälteeinbruch im Ausnahmezustand. Strom, Telefon, alles gestört. Der Kerl hat uns gefälschte Ausweise in die Hand gedrückt und warme Klamotten. Wir sollten uns als Leute von der FEMA ausgeben, die vor Ort die Maßnahmen zur Wiederherstellung der Wärmeversorgung überwachen sollten. Super Idee, weil keiner von uns auch nur den Hauch einer Ahnung von dem Job hatte. Ausrüstung gab’s auch nicht, nur diese hässlichen Thermoklamotten.

Wir sollten uns dann Tarnnamen zulegen, idiotischerweise alle mit demselben Anfangsbuchstaben. Kannst dir denken, dass natürlich zwei gleich denselben Namen haben wollten, Barney I und II, was für ein Schwachsinn. Ich hab mir mein Team dann mal genauer angesehen, das war echt eine schräge Truppe:

  • Blaze: So ein notorisch schlecht gelaunter Schönling, der die meiste Zeit nur gemotzt hat. Allerdings hatte der wirklich was auf dem Kasten, wenn’s um Computer und den ganzen Scheiß ging.
  • Blake: Eine echt heiße FBI-Frau (zumindest glaube ich, dass sie fürs FBI arbeitet), aber leider ein kalter Fisch. Forensikerin oder so, glaube ich. Naja, hat den Vorteil, dass ich nicht noch was vor Sascha verheimlichen musste. Die hat mich eh ganz schön ausgezählt, weil ich ihr nur einen Zettel da gelassen habe, bevor ich abgehauen bin.
  • Barney: Soldat, so ein überkorrekter. Der war ganz besessen von den verdammten Regeln, die wir bekommen haben. Fluchtweg hier, geordneter Rückzug da. Mann, wenn dir die Regeln soviel bedeuten, dann tätowier sie dir halt auf den Arsch! Der ist mir richtig auf den Sack gegangen am Anfang. Immerhin konnte er kämpfen, ohne ihn hätten wir vermutlich ein paarmal ganz schön alt ausgesehen.
  • Ben: Das Gegenteil von Blake, eine richtige Frohnatur. Dachte ich zumindest am Anfang, aber irgendwann war ich mir nicht mehr so sicher, was da für Abgründe lauerten. Militärarzt, wenn ich das richtig verstanden habe.

Naja, wir haben uns also aufgemacht nach Lafontaine; war wie befürchtet eine ätzende Tour, weil alles vereist war. Da angekommen hat man uns in einem Lager raus gelassen, von dem aus die Einsätze koordiniert wurden. Uns wurde dann zufällig ein Trailer zugewiesen, der vorher von Skip genutzt wurde. Der hat hier wohl gearbeitet, war aber bereits seit drei Tagen krank gemeldet.

Wir haben dann erst mal den Trailer untersucht. Der stand da bestimmt seit den 60ern und hat auch so gerochen. Blaze hat sich sofort auf den Laptop gestürzt, der da noch drin stand. Und da fing die Scheiße dann auch schon an.

Skip war an seinem letzten Arbeitstag ausschließlich auf Pornoseiten unterwegs. Auf den richtig üblen. Also das war absolut kranker Scheiß, Gewalt und Tod und was weiß ich, mit Sicherheit illegal. Wir haben erst gedacht, dass der Kerl einfach generell einen an der Klatsche hatte, aber komischerweise hat er diese Hardcore-Sachen nur an diesem einen Tag angeschaut. Blaze hat sich dann nochmal richtig gefeiert, als er auf der Suche nach den Passwörtern fürs E-Mail-Postfach unter den Tisch geschaut hat. Der Typ hat da echt alles voll gewichst. „WTF?!“ hab ich mir nur gedacht.

Wir hatten danach zwei Möglichkeiten, entweder zu Skips Wohnung und checken, ob er noch da war oder sich bereits „wegejakuliert“ hatte. Ja ich gebe zu, da hatte Blake tatsächlich mal Humor. Oder zum Lagerraum und prüfen, ob was fehlt, wofür wir uns dann entschieden haben.

Da wir keinen eigenen Wagen gestellt bekommen haben, mussten wir auf der Ladefläche eines Pick-Ups mitfahren. Die beiden Typen vorne sahen wie alle hier völlig fertig aus, und ich glaube, die fanden uns richtig scheiße, weil wir nicht mit angepackt haben. Konnte uns egal sein, für so einen Mist wurden wir schließlich nicht bezahlt.

Die haben uns dann vor Earls’s Rent-A-Space abgesetzt und sich verpisst. Da war alles dunkel, Kameras gab’s zwar, aber die waren offensichtlich aus. Ein umgestürzter Baum hatte den Zaun eingerissen, wir konnten ganz bequem rein marschieren. Und da haben Blaze und Barney auf einmal Schiss bekommen, von wegen da könnte ja noch jemand in dem Häuschen sitzen. Dabei war da ganz klar niemand. Barney hat diese verdammten Regeln herunter gebetet wie ein Weihnachtsgedicht und wollte unbedingt neben dem Riesenloch im Zaun einen zweiten Fluchtweg schaffen. Ben hat ihm dabei dann geholfen, nur damit der Ruhe gibt.

Blaze hat sich nach viel Lamentieren endlich getraut, an die beschissene Tür zu klopfen, nachdem ich dreimal rumgelaufen bin und in jedes einzelne Fenster gelinst habe. Und – oh Wunder: niemand da. Die Technik da drin war echt vorkriegsmäßig, Strom war aus. Aber mithilfe einer Autobatterie hat Blaze trotzdem das Band der zentralen Überwachungskamera abspielen können. Und als hätten wir es geahnt: Am 3. Januar sah man eine Gestalt über den Hof gehen, nach einer halben Stunde kam dieselbe Person zurück, allerdings torkelnd. „Wenn das mal nicht unser Kumpel Skip ist“, dachten wir uns.

Als nächstes haben wir die Box gesucht. Die war tatsächlich von einem Baum eingedrückt worden, die Tür stand offen. Jeder vorbeikommende Trottel hätte sich da bedienen können, schöne Scheiße. Und zu allem Überfluss hatte davor jemand im Schnee eine riesige Bodenpizza hinterlassen. Normalerweise nichts Besonderes, aber die Kotze war voller Blut. Skip schien da irgendwas nicht gut bekommen zu sein.

Während Blaze, Blake und Ben das Innere der Kiste untersuchten, hielten Barney und ich Wache. In der Box herrschte totales Chaos. Sie fanden da allen möglichen irren Kram, so völlig abgefucktes Zeug. Tausende Beschreibungen von Händen, aber ohne Fotos, altes Kartenmaterial von Chicago und einen Holzkopf. Blake meinte hinterher, der hätte ausgesehen, als sei das Holz in dieser Form gewachsen, wie auch immer das möglich sein soll. Für mich sah das alles nach lange überfälligem Sperrmüll aus. Da die beiden Deppen mit dem Pick-Up wieder zurück kamen, mussten wir die Untersuchung abbrechen. So richtig was gefunden hatten wir da noch nicht.

Zurück im Lager wurde Ben dann von einem Deputy angesprochen. Der hatte einen sonderbaren Todesfall zu klären und wollte unsere Hilfe. Und weil wir ja von der FEMA waren – sicher doch – sollten wir ihm das Programm zeigen, mit dem man die Wärmeversorgung der Stadt prüfen konnte. Ben hat dann die Medizinerkarte gespielt und durfte sich mit Blake die Leiche tatsächlich anschauen. War ein junger, kräftiger Typ, viel zu leicht bekleidet für die Temperaturen. Todesursache war noch unklar, aber er hatte am Rücken vier merkwürdige Einstiche. Ben hat uns von einer orangenen Flüssigkeit erzählt, die da rausquoll.

Wir haben dann auch noch erfahren, dass Skip vor seiner Krankmeldung richtig scheiße aussah, sein ganzes Gesicht wäre voller Kratzer gewesen. Er hätte total neben sich gestanden, darum hat auch niemand bezweifelt, dass er krank war. Das wurde alles immer irrer.

Der Deputy kam dann in unseren Trailer. Blaze hat da schon wieder Panik geschoben, weil wir ja keine Befugnis hatten, Skips Rechner zu nutzen. Meine Fresse, als ob der Bulle das merken würde. Der hat dann auch nur eine Adresse überprüft, die in der Nähe des Fundortes des Leiche lag, und sich wieder verpisst.

Skips Wohnung konnte man zu Fuß erreichen, also haben wir uns dahin aufgemacht. Interessanterweise lag seine Adresse recht nahe an der, die der Bulle geprüft hatte. Uns war klar, dass das mit Skip vielleicht recht unangenehm werden konnte. Das klang ja schon ziemlich durchgeknallt. So komplett unbewaffnet eine echt tolle Aussicht. Auf dem Weg haben wir die ganze Zeit ein komisches, klackerndes Geräusch gehört. Total nervtötend. Die Gegend war auch nicht so prall, aber wegen der Kälte waren ja fast alle Einwohner evakuiert worden.

Skips Haus haben wir schon von Weitem ausmachen können. Es war fast das einzige Haus, in dem noch Licht brannte, und ein ohrenbetäubender Krach kam uns entgegen. Das klang wie eine Marschkapelle auf Speed, und jeder hatte eine andere Menge intus, völlig krank. Aber am schlimmsten war der Gestank, den man schon von der Straße aus wahrnahm: Blut, Schweiß, Wichse, Verwesung, unbeschreiblich. Die Fenster waren alle von innen mit Papier abgeklebt, da war nichts zu sehen.

Mir ist diese Musik so dermaßen auf die Eier gegangen, dass ich irgendwann einfach das erstbeste Fenster aufgestemmt habe und reingeklettert bin: Anlage aus, Ruhe. Dann habe ich mich umgeschaut. Beth, ich sag dir, so eine Scheiße hab ich noch nie gesehen. Das ganze Zimmer war in mehreren Schichten zugekleistert mit Pornobildern. Und zwar genauso hartes Zeug wie auf Skips Laptop. Das schien auch immer schlimmer geworden zu sein, mit jeder Lage Fotos, die der angeklebt hatte.

Aber das alles war ein Dreck gegen Skip selbst, der in dem Moment um die Ecke gewankt kam. Total ausgemergelt, zerkratzt und völlig versifft, der hätte gar nicht mehr leben dürfen, so wie der aussah. Ich will mir gar nicht vorstellen, was der die letzten Tage hier gemacht hat, denn das ganze Wohnzimmer war voll mit so einer ekelhaft stinkenden, orangenen Flüssigkeit. Ja genau, wie das Zeug aus der Wunde von dem Toten, das dachte ich in dem Moment auch.

Dieses Skip-Etwas hat mich dann angegriffen und ich war so perplex, dass ich mich angestellt hab wie der letzte Vollidiot. Blaze und Barney sind zwar auch noch reingekommen, aber wir waren alle neben der Spur. Dieses Ding kam mir bedrohlich nahe und hat so eine Art Zunge ausgefahren, mit vier spitzen Enden. Widerlicher Scheiß, sag ich dir! Dann hat Barney mir noch aus Versehen schön seine Taschenlampe über den Schädel gezogen und ich hab erst mal Sterne gesehen. Vorteil der Aktion: das Skip-Monster hat sich dann auf Barney konzentriert. Leider hat sich Barney genauso dämlich angestellt wie ich und ist zu Boden gegangen, Blaze hat auch nichts gerissen und stand da mit schwingenden Fäusten. Von Ben und Blake war gar nichts zu sehen.

Glücklicherweise konnte Barney dann die Zunge packen und mit einem kräftigen Ruck rausreißen. Ich glaube aber, seine Begeisterung hielt nur kurz, weil ein Schwall orangenen Schleims auf ihn einprasselte. Ganz ehrlich, ein bisschen gegönnt hab ich ihm das, nachdem er mich fast umgekloppt hätte.

Ich bin dann raus, um ein bisschen frische Luft zu schnappen und die wachsende Beule zu kühlen, die Barney mir verpasst hat. Außerdem hab ich mich etwas flau im Magen gefühlt. Das war doch alles ganz schön ekelhaft da drin. Blake und Ben haben sich da auch endlich ins Haus bequemt. Denen hab ich dann das Untersuchen der restlichen Räume überlassen. Ich war erst mal bedient.

War eine weise Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. Das Haus gehörte nämlich nicht Skip, sondern seiner Mutter. Und die lag im Schlafzimmer, also das, was von ihr übrig war. Ich hab mir den Anblick erspart, aber die anderen meinten, sie sei quasi explodiert. Ben glaubte, dass Skip mitbekam, dass mit ihm was nicht stimmte, und versucht hat, irgendwie damit klar zu kommen. Die ganzen Fotoschichten und abgeklebten Fenster sollten wohl verhindern, dass er das Haus verlassen musste, um seine kranken Neigungen ausleben zu müssen. Bedauerlicherweise schaffte er es nicht, seine Mutter zu verschonen.

Das hätte jetzt eigentlich das Ende der Geschichte sein können, zumindest hoffte ich das, als ich draußen rumstand und mir Schnee an den Kopf drückte. Nur leider fingen die Problem jetzt erst richtig an. Die Anderen hatten im Haus nämlich blutige Handabdrücke gefunden, die von der Leiche im Schlafzimmer hoch zum Lüftungsschacht führten und an einer Ecke des Hauses draußen auf dem Boden verschwanden. Was da auch immer aus Skips Mutter herausgekommen war, hatte sich mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Staub gemacht. Uns schwante, dass dieses Etwas nicht mit Skip gestorben war, sondern in diesem Moment in aller Ruhe durch die Stadt marodierte. Fuck!

Das naheliegende Problem war allerdings, dass wir die Spuren im Haus beseitigen mussten. Blaze drehte also das Gas auf und platzierte eine Kerze, dann sind wir weg. War eine echt gelungene Explosion, muss ich sagen, da dürfte nichts Verwertbares übrig geblieben sein. Auf dem Weg zurück zum Lager haben wir wieder dieses komische Klackern gehört, das uns schon auf dem Hinweg genervt hatte. Mittlerweile waren alle ein bisschen paranoid und wir waren erleichtert, als das Geräusch dann irgendwann weg war. Nichtsdestotrotz haben Blaze und ich in der Nacht abwechselnd Wache gehalten.

War total überflüssig, wie sich herausstellte, und wir beide waren völlig erledigt am nächsten Morgen. Und was noch schlimmer war: Der Typ in dem Konferenzraum hatte uns schon gewarnt, dass unsere Tarnung nicht lange halten würde. Ich hatte mir zu dem Zeitpunkt noch keine Gedanken darum gemacht. Doch an diesem Morgen wurde Ben mitgeteilt, dass sich noch heute Leute bei uns melden würden, um den Versorgungsnachschub zu planen. Das wäre natürlich richtig beschissen, weil die dann recht schnell merken würden, dass wir alles, aber ganz sicher keine FEMA-Mitarbeiter sind.

Wir haben uns kurz zusammengerechnet, wie viel Zeit wir noch hätten, bis wir definitiv den Abflug machen müssten. Mit ziemlicher Sicherheit blieb uns nur noch heute, um das Klackervieh zu eliminieren und den Inhalt der Kiste zu prüfen. Was die Leiche in der Gerichtsmedizin anging, waren wir nicht sicher, ob dort Handlungsbedarf bestand. Der Deputy kam uns zwar allen irgendwie sonderbar vor, aber wir mussten Prioritäten setzen.

Um nicht sofort wegzunicken haben Blaze und ich ein paar Koffeintabletten organisiert. Schlafen war ja keine Option. Wir sind als erstes nochmal zur Box gefahren, weil wir hofften, dort Hinweise auf das Klackervieh zu finden. Natürlich mit denselben Trotteln wie gestern. Die schauten uns jetzt noch merkwürdiger an und meinten, sie würden uns hier wieder abholen, aber ganz ehrlich, ich glaubte da nicht dran. Eigentlich war es auch egal, weil wir ohnehin ein Auto organisieren mussten, um von hier zu verschwinden.

Beim Lagerhaus angekommen haben Blaze und ich versucht, eine neue Box zu finden, um die Sachen dort zu deponieren. War eine echte Frickelarbeit, weil das Ablagesystem aus der Hölle kam. Alles stand auf einzelnen Zetteln, nichts war digitalisiert. Nach einigem Fluchen haben wir es aber geschafft, eine freie Box zu finden und die Zettel entsprechend umzuschreiben.

In der Zeit, in der wir uns als Buchhalter betätigten, untersuchten Ben und Blake weiter die Box. Sie fanden jede Menge Krempel, aber auch eine alte Munitionskiste, die aufgesprungen war. Die Innenseite war voller Kratzer, das schien das Körbchen unseres Klackerviehs zu sein. Einige Zettel daneben gaben Aufschluss über die Herkunft. Und ich sage dir, als wäre dieser ganze Mist nicht schon abgedreht genug, es wurde noch härter.

Ich versuche mal zusammenzufassen, was ich von dem ganzen Geschwurbel verstanden habe:

Die Kiste stammte aus Brasilien. Ein Mr. Whitehead hat sie von irgendwelchen Baumaßnahmen im Dschungel mitgebracht. Der war dort im Auftrag eines Tittenhefts, naja, so eins, das sich Typen holen, die in der einen Hand ein Glas Champagner halten, während sie sich mit der anderen einen runterholen. Auf jeden Fall sollte er einen Artikel schreiben über Little-Altamira. Dieser Ort folgte quasi der Straße, die die Arbeiter damals durch den Busch bauten. Die waren alle ziemlich krass drauf, 60er hin oder her. Whitehead schrieb von gigantischen Orgien, jeder mit jedem, mitten im Dschungel. Die sind da über einander hergefallen, bis plötzlich Soldaten kamen, alle mussten sich nebeneinander aufstellen. Der Sergeant der Truppe ist die Reihe entlang und hat sich vor jedem einzelnen einen Schnitt zugefügt und ihm dabei genau in die Augen gesehen. Dann hat er bis auf ganz wenige Ausnahmen alle niederschießen lassen. Whitehead und sein Kumpel Pascado überlebten und wurden auf ein Boot gebracht. Leider hatte es Pascado auch schon erwischt und der ging dann mit so einer komischen Stachelzunge auf die Soldaten auf dem Boot los. Die haben kurzen Prozess gemacht und nochmal wild um sich geballert, die Toten haben sie in den Amazonas geworfen. Dumm nur, dass der alte Whitehead noch etwas von der Zunge abschneiden konnte. Der hat gar nicht begriffen, was er da gefunden hatte. Das Teil hat er dann in die Munitionskiste gelegt. Damit hatte dieser Trottel dafür gesorgt, dass das Wesen überleben und uns jetzt hier auf den Sack gehen konnte. Vielen Dank dafür, du dämlicher Drecksack.

Aber so wussten wir zumindest, wo dieses Ding herkam. Und dass es sich quasi wie eine Geschlechtskrankheit vermehrte. Die Befallenen drehten völlig durch und wurden durch Schmerz und Qual nur noch mehr aufgegeilt. So ließ sich zumindest schnell feststellen, wen es erwischt hatte. Ben hat in dem Moment noch eine echte Eingebung gehabt, weil er sich erinnerte, dass bei Skip eine Bullenhitze geherrscht hat. Das Vieh mochte es also kuschelig warm.

Uns fiel ein, dass der komische Deputy nach der nächsten noch beheizten Adresse gefragt hatte. Wir waren ja eh in der Gegend, haben ein Auto geklaut und sind dann da mal hin. Und Volltreffer! Die Kellertür hinten war aufgebrochen und uns kam da schon wieder dieser verdammte Gestank entgegen. Ben, Barney und ich sind dann runter und haben reingeschaut.

Ich weiß nicht genau, wie ich das, was wir da gesehen haben, beschreiben soll. Und ich will mich eigentlich auch nicht daran erinnern, aber es ist wichtig, dass jemand darüber Bescheid weiß, wenn ich das alles nicht überleben sollte.

Also da lag diese Frau auf dem Boden, ihr ganzer Körper war komplett aufgebläht und unter ihrer Haut krochen irgendwelche Dinge. So als wäre sie voller Maden oder Schlangen. Aber das Schlimmste waren ihre Augen. Die hat uns direkt angesehen. Und es war sofort klar, dass sie noch lebt und alles mitbekommt, was mit ihr passiert, ohne sich wehren zu können.

Da hat dann bei mir irgendwer den Ausknopf gedrückt. Ich bin nach oben gestürzt und hab minutenlang in den Schnee gekotzt. Ben hat noch versucht, mich zu beruhigen, glaube ich, aber ich hab nur noch rot gesehen. Der Gedanke, dass die Frau da drin seit wer weiß wie lange liegt, ohne sich rühren zu können, während dieses Vieh in ihr rumwühlt, das war einfach zuviel. Die anderen standen da noch alle am Kellereingang und planten allen Ernstes, das Haus anzuzünden, während die Frau da noch lag. Ohne mich. Ich hab nur noch ein Rauschen gehört, mir dann ein Beil und einen Mülltonnendeckel gegriffen und bin zurück, um das zu beenden.

Ich bin also wieder runter und direkt auf sie zugegangen. Und sie hat mich die ganze Zeit angestarrt. Kurz bevor ich sie erschlagen hab, hab ich noch so was total Lächerliches gemurmelt wie, dass es mir Leid täte. Stell dir das mal vor, ich hacke der Frau eine Axt in den Schädel und mir fällt nichts Besseres ein als so eine armselige Entschuldigung. Aber ich hatte keine Wahl, wir hätten sie nicht retten können. Trotzdem hab ich mich noch nie im Leben so beschissen gefühlt.

Sie war sofort tot, wenigstens das hatte ich noch hinbekommen. Und dann ist dieses kriechende Chaos aus ihr herausexplodiert. Das Vieh sah ein wenig aus wie ein hässlicher Affe mit riesigen Ohren, und es hat dieses Klackergeräusch gemacht, das wir schon kannten. Es hat sich sofort auf Ben gestürzt, der hinter mir stand. Das Ding war unglaublich schnell und schien gepanzert zu sein. Barney kam auch noch angerannt und wir haben zu Dritt versucht, das Drecksvieh kalt zu machen. Blake hat von hinten geschossen, aber leider Barney einen Streifschuss verpasst. Nachdem Ben einen üblen Biss in den Unterschenkel kassiert hatte, schien bei Barney so eine Art Notprogramm anzuspringen. Der hat ihn sich geschnappt und ist brüllend aus dem Keller gerannt. Ich hab dem Biest dann den Rest gegeben.

Blake hat sofort panisch angefangen, ihre verschossene Patrone zu suchen. Die hatte echt ihre Dienstwaffe mitgenommen, uns davon aber nichts gesagt. Ich war so was von angepisst. Sollte die doch ihre Scheiß-Patrone in dem Modder alleine suchen.

Stattdessen bin ich also wieder hochgegangen und hab mir Bens Wunde angeschaut. Der Klackeraffe hatte ihm ein gutes Stück Wade abgebissen, aber es sah so aus, als würde das gut heilen können. Barneys Streifschuss war hingegen nicht schlimm. Der sollte sich gefälligst nicht so anstellen.

Barney war schon drauf und dran, das Haus anzuzünden, aber nachdem Blake ihre Patrone wiedergefunden hatte, fiel ihr dann ein, dass wir uns vorher noch umsehen sollten. Keine schlechte Idee.

Und auch hier ging die Freakshow weiter. Zu dem Zeitpunkt war ich eigentlich fertig mit der Welt. Die Wirkung der Koffeintabletten ließ allmählich nach, ich hatte eben einer Frau den Schädel gespalten und mir war schlecht. Alles Scheiße. Aber wir hatten immer noch viel zu tun. Blutige Abdrücke auf den Wänden, Kampfspuren im Erdgeschoss. Ein Foto des Toten aus der Gerichtsmedizin mit seinem Freund. Laut Klingelschild sollten hier drei Leute wohnen, also machten wir uns auf nach oben. In einem Schlafzimmer lag ein Penner rum, aus dem dann auch so ein Affenwesen hervorbrach. Diesmal hat Blake aber gleich ihre Waffe benutzt und das Vieh sauber zerlegt. Sie wurde jetzt wohl erst so richtig warm. Im anderen Schlafzimmer stand ein Laptop rum, auch hier war der Browser voller Pornoseiten, ein abgefucktes Video zeigte ein Mädchen, wie es sich gerade über den Penner hermachte, ein anderes filmte den ganzen Dreck. Hochgeladen hatten sie das auch schon. Dann fanden wir noch eine Sprachnachricht, die die beiden Mädels zu einer Party im Studentenwohnheim einlud.

Das war genau das, was uns noch fehlte. Zwei besessene junge Mädchen, die sich quer durch Lafontaines Studentenschaft vögelten und dabei massenweise dieser verschissenen Affenwesen hinter sich ließen. Nachdem wir hier fertig waren, durfte Barney endlich den Pyromanen rauslassen und das verdammte Haus anzünden.

Und ab ging’s zum Studentenwohnheim. Meine Team-Kollegen waren mittlerweile genauso bedient wie ich und wir wollten alle nur noch weg aus diesem Drecksloch. Als wir vor dem Wohnheim ankamen, war schon klar, dass die Party längst in vollem Gange war. Blaze, Barney und Ben wollte die ganze Bude einfach in die Luft jagen, um die Mission endlich zu Ende zu bringen, so durch waren die. Aber so ein kleiner Rest Anstand hatte sich dann doch noch gehalten und wir sind stattdessen alle rein, um die beiden Mädchen zu suchen.
Wir fanden sie im obersten Stockwerk, zusammen mit dem armen Jungen, der sie eingeladen hatte. Die eine hatte den gerade in der Mangel, der war total zerkratzt und blutig. Ich dachte noch, dass er sich vermutlich nie wieder trauen wird, ein Mädchen anzusprechen, aber darüber musste ich mir keine Sorgen mehr machen. Barney, der mittlerweile das Beil hatte, ist sofort ins Zimmer gestürmt, hat das Mädchen, das schon wieder filmte, umgehauen und ist dann auf die andere los. Dabei hat er leider den Typen erwischt. Immerhin hat er es danach geschafft, auch die andere zu erschlagen und wir standen in einem völlig eingesauten Zimmer.

Da Abfackeln diesmal nicht drin war, haben wir uns als Putzkolonne betätigt und den Raum so gut es ging von Schleim und Gedärm gereinigt. Dann haben wir die drei Leichen in Betttücher gepackt und sind über die Feuertreppe weg. Blaze und Barney haben die Toten in einem Müllcontainer verbrannt. Wir mussten noch ein Auto klauen, weil unserem schon langsam der Sprit ausging. Ben hatte von dem orangenen Schleim einige Proben genommen, die noch am Trailer waren. Da unser Auftrag lautete, keine Spuren zu hinterlassen, blieb uns nichts anderes übrig, als die zu holen. Barney und ich sind also hin und haben sie gesichert. Danach haben wir uns aus dem Staub gemacht, sind wie die Irren gefahren und haben unseren Kontakt benachrichtigt. Im Nachhinein haben wir dann noch erfahren, dass der Deputy bei einer Schießerei getötet worden war. Zufall?

Das war’s so ziemlich. Wenn ich mir das jetzt durchlese, kann ich es eigentlich selbst kaum glauben. Aber leider ist das alles genau so passiert. Beth, wenn mir etwas zustoßen sollte, dann will ich, dass dieser Mist nicht vergessen wird.


Geschrieben von Molybdaen.

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