Tod an Bord

Als Abwechslung zur Bestie gab es jüngst für vier Charaktere eine erquickliche Kreuzfahrt an Bord des Luxusdampfers Charon. Nur leider sollte der Name des Abenteuers recht bald Programm werden … Die folgenden fragmentarischen Aufzeichnungen stammen aus der Feder von Gräfin Iphigenie Karen von Thedens.

Mein lieber Mortimer, ich muss dir erzählen, wie wir wieder zusammenkamen. Wie Du weißt, bin ich per Schiff, der Charon, von Europa aus nach Amerika gereist, auf der Suche nach guten Geldanlagen für mein Vermögen. Dabei sind schier unglaubliche Dinge passiert, von denen ich Dir gerne berichten möchte.

Mich begleiteten auf der Reise mein Anwalt, Spezialist in Sachen Vermögensverwaltung, Dr. Freder C. Fleischer, mein guter alter Freund Major Ferdinand Möckelnburg, meine liebreizende Zofe Sandra und deren gewöhnlicher Freund; ich glaube, er hieß Herbert Schrenk.

Irgendwann eines Abends nach dem Dinner begleitete Herbert Sandra auf das Deck. Die beiden erblickten dort ein einsames Mädchen. Herbert sprach sie mit irgendetwas Belanglosem an, daraufhin antwortete sie sonderbarerweise “Das haben sie ja noch nie zu mir gesagt.” und entschwand. Das Mädchen erschien auch dem Major und mir beim Kartenspielen und bat uns um einen Brieföffner. Wir trugen selbstverständlich kein solches Werkzeug bei uns. Ich gab ihr den praktischen Rat, ihre Korrespondenz mit der Spitze eines Stiftes zu öffnen. Den Hinweis nahm sie seltsam begeistert entgegen.

Dann plötzlich ging ein Ruck durch das Schiff. Im Nebel war ein schwarzer Schatten wie von einem riesigen Segelboot zu sehen. Eine Frau schrie verzweifelt “Mann über Bord!”, ihr Mann sei bei dem Ruck in das Meer gefallen. Eine Rettungsmannschaft, zu der sich auch Herbert Schrenk empfahl, wurde zu Wasser gelassen, um den Mann aus der Seenot zu retten.

Zu Wasser trieb eine Planke mit Schrift vorbei, die Herbert ungeschickt nicht zu fassen bekam. Aber eine Truhe wurde geborgen, die Mannschaft nahm sie an sich und übergab sie später dem Kapitän Mähn. Die Suche nach dem Mann über Bord wurde dann aufgegeben.

Ferdinand sah später auf dem Weg zu seiner Kabine eine offene Tür zu einer anderen Kajüte, aber niemand befand sich darin. Am Morgen darauf stand das kleine Mädchen vom Vorabend vor eben jener Tür. Sie sagte “Es sieht anders aus als sonst.” Wo blieben bloß die Erziehungsberechtigten des Kindes? An Bord traten vermehrt kleine Rempeleien und Streitereien auf. Im Maschinendeck ereignete sich sogar eine Explosion, die Fahrt konnte somit erst nach der Reparatur in drei Tagen weitergehen.

Im Speisesaal erblickte Dr. Fleischer eine Frau mit einer merkwürdigen Frisur, sie trug außerdem unschickliche Arbeiterkleidung. Als sie bemerkte, dass Dr. Fleischer sie beobachtete, erschrak sie und floh. Fleischer verfolgte sie und kam bei der glücklosen Jagd an einer Kabine mit zerbrochener Glaskuppel vorbei, in der rostige Stalaktiten von der Decke hingen und Pfützen am Boden durch stetes Tropfen genährt wurden. Es war dort sehr kalt.

An Deck fanden wir erneut das Mädchen, sie lag tot in einem Liegestuhl, mit einem Füllfederhalter im Auge. Sie wollte also keine Briefe öffnen … Auf der Suche nach einem ruhigen Zimmer zum Zurückziehen begegneten wir wieder streitlustigen Gästen und sogar unfreundlichem Personal. Unmöglich! Im Raucherzimmer fanden wir wieder die Leiche des Mädchens, sie hat sich dort erhängt.

Nun, es war sogar für mich schwierig bei all dem die Contenance zu bewahren. Also beschloss ich, eine Seance durchzuführen, um die Geister um Rat zu fragen. Bevor wir aber dazu kommen konnten, eskalierten die Streitereien an Bord, ein Mob hatte sich gebildet, der auch uns irgendeines Vergehens beschuldigte. Wir sahen uns gezwungen, die Flucht zu ergreifen. Unglaubliche Szenen spielten sich ab, die Menschen haben sich tätlich angegriffen, aus den nichtigsten Gründen. Und es wurde noch schlimmer. Der Kapitän hatte ganz offensichtlich sein Schiff nicht mehr unter Kontrolle und klammerte sich nur noch an diese Holztruhe, die am Vortag aus dem Wasser geborgen wurde. Die Auseinandersetzungen aller Menschen an Bord wurden blutiger und letztendlich starben wir alle …

Lieber Mortimer, damit ist die Geschichte überraschenderweise noch nicht zu Ende, wir erwachten nämlich daraufhin aus einem tiefen, traumlosen Schlaf und stellten fest, dass wir zwar unsere Erinnerung behalten hatten, aber sozusagen in die Vergangenheit zurückgereist waren. Alles spielte sich erneut ab. Das kleine Mädchen, der Mann über Bord bei der Kollision mit der “Pandora” (wie wir diesmal in Erfahrung bringen konnten), die Bergung der kleinen Holztruhe. Diese wurde wieder dem Kapitän übergeben. Diesmal waren wir aber besser informiert. Dr. Fleischer erkundigte sich bei dem kleinen Mädchen nach dem Inhalt der Kiste. “Wenn das Morden beginnt, ist alles zu spät.”, erwiderte sie darauf. Anscheinend mussten wir versuchen, irgendwie an die Kiste zu gelangen.

An der Bar traf Herbert auf einen Herrn, der ihm erzählte, dass 1861 die Pandora von Boston aus aufgebrochen war, aber nie am Bestimmungsort ankam. Ein Herr Fred Grohmann habe sich als Passagier an Bord begeben, er war eine sehr zweifelhafte Figur mit einem verfilzten Bart und abgetragener Kleidung. Er hielt eine gewisse Holzkiste fest umklammert und hatte den Wahnsinn in den Augen. Grohmann behauptete, der Teil eines Gottes sei in der Kiste. Die Kiste dürfe nicht geöffnet werden, sonst entweiche das Chaos von Azathoth.

Wir bemühten uns also mit mehr Nachdruck um die Kiste. Auf dem Weg zur Kapitänskajüte vernahm Dr. Fleischer Stimmen, eine Person trat mitten durch ihn hindurch – waren etwa wir die Geister? Was für eine absurde und groteske, ja blasphemische Vorstellung.

Mit roher Gewalt und Kraft meiner, Gräfin Iphigenie Karen von Thedens, Autorität, verschafften wir uns Zutritt zur Kapitänskajüte. Herbert konnte die Kiste an sich nehmen. Er sah sich an Deck aber nicht in der Lage, die Kiste einfach abzugeben oder gar selbst ins Meer zu werfen und floh vor uns. Nach einigem Hin und Her, bei dem auch der Kapitän zu Tode kam, konnte auch Freder die Kiste aufgrund mangelnder Willenskraft nicht beseitigen, so dass der gute Major den Jungspunden zeigen musste, aus welchem Holz ein echter Mann geschnitzt ist. Ihm gelang es in einem geistigen Kraftakt, die Kiste zurück ins Meer zu befördern. Sobald dies geschah, verblasste vor unseren Augen alles im hellen Licht. Nach 83 Jahren fanden wir endlich unseren Frieden.

Es ist schön, nach so langer Zeit endlich wieder bei Dir zu sein. Ohne Dich bin ich aber auch ganz gut zurecht gekommen.

Geschrieben von Pea.

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