Von Dämonenfürsten und anderen blasphemischen Dingen

Engel und Dämonen lautet das Thema im Karneval der Rollenspielblogs des Monats Juli, der diesmal durch Infernal Teddy von den Neuen Abenteuern moderiert wird. Was also fällt dem gemeinen cthuloiden Kultisten dazu ein? Wie viele Engel und Dämonen gibt es im Pandämonium des Cthulhu-Mythos? Dank eines bereits vier Jahre alten Beitrags im Pegasus-Forum, der offiziellen Anlaufstelle für das Cthulhu-Rollenspiel im deutschsprachigen Raum, bin ich auf die gesammelten Werke von H. P. Lovecraft (HPL) in digitaler Form gestoßen. Diese gibt es kostenlos auf der Webseite The Arkham Archivist zum Herunterladen. In der PDF-Fassung hält man dann auf 704 englischsprachigen Seiten alle Geschichten von HPL angefangen von The Tomb – Das Grab (1917) bis hin zu The Haunter of the Dark – Der leuchtende Trapezoeder (1935) in den Händen; seine Werke, die in Zusammenarbeit mit anderen Autoren entstanden, sind darin allerdings nicht enthalten. Somit steht einer quantitativen und qualitativen Betrachtung der oben aufgeworfenen Frage kein Tentakel mehr im Weg.

Die folgenden Textstellen sind – soweit sie mir vorliegen – aus den deutschen Texten entnommen. Bei einigen muss ich allerdings aus Mangel an einem vorhandenen Buch passen und zitiere aus dem englischen PDF.

Lovecraft und der Mythos

Der Cthulhu-Mythos mit seinen Wesenheiten ist kein alleiniges Werk von Lovecraft. Zahlreiche Autoren haben das Thema aufgenommen und erweitert. Selbst der Begriff Cthulhu-Mythos stammt nicht von HPL, sondern von August Derleth. Dieser war es auch, der seiner Interpretation des Mythos eine starke religiöse Komponente hinzufügte, nämlich den Kampf zwischen Himmel und Hölle. Dieses Element wird sich in der folgenden Betrachtung der “reinen Lehre” von Lovecraft nicht wiederfinden. Auch wurde es explizit nicht durch Sandy Petersen, dem ursprünglichen Spieledesigner von Chaosium, in das Call of Cthulhu Rollenspiel übernommen.

HPL selbst war ein bekennender Atheist. “In theory I am an agnostic, but pending the appearance of radical evidence I must be classed, practically and provisionally, as an atheist.” schrieb er 1932 in einem Brief an Robert E. Howard (Wikipedia), der manchen vielleicht im Kontext von Conan der Barbar bekannt sein dürfte. Insofern ist der erste Teil des Karnevalthemas – Engel – auch eher schnell abgehandelt.

Engel

Als Erzengel (“archangel”) wird in der Traumsuche nach dem unbekannten Kadath ein Avatar von Nyarlathotep (später mehr dazu) beschrieben, der den Protagonisten Randolph Carter am Ende seiner Reise in ein Zwiegespräch verwickelt. Dies ist das einzige Vorkommen des Wortes “angel” im weitesten Sinne auf den 704 Seiten seiner Werke.

Dicht vor Carter hin schritt diese königliche Gestalt, deren stolze Haltung und elegante Züge die Faszination eines dunklen Gottes oder gefallenen Erzengels in sich trugen, und in deren Augen das languide Flackern kapriziöser Launen lauerte.

Und es ist eben kein Engel, der hier beschrieben wird, sondern ein Erzengel, also ein hervorgehobener Vertreter seiner Zunft (Wikipedia), jedoch – das Wort “gefallen” deutet es an – keiner, der auf der guten Seite steht, sondern ein Ausgestoßener.

Kommen wir zum zweiten, weitaus ergiebigeren Part, den Dämonen. Hier belegen 136 Textstellen des Wortstammes “daemon”, dass HPL diesen weitaus mehr Platz in seiner Betrachtung einräumt.

Dämonische Götter

An der Spitze des dämonischen Reigens steht wohl Azathoth, eine idiotische, amorphe Masse – das nukleare Chaos – im Zentrum des Universums umgeben von weiteren Wesenheiten, die zu Ehren ihres Dämonensultans auf blasphemischen Flöten eine Kakophonie an Lauten von sich geben.

[…] dieser letzte amorphe Pesthauch heillosester Verwirrung, der im Zentrum aller Unendlichkeit lästert und brodelt – der grenzenlose Dämonen-Sultan Azathoth, dessen Namen laut zu nennen kein Mund wagt, und der in unfassbaren, lichtlosen Kammern jenseits der Zeit hungrig nagt, inmitten des gedämpften, rasendmachenden Schlags nichtswürdiger Trommeln und des dünnen, monotonen Gewinsels verwünschter Flöten; und zu diesen abscheulichen Stampfen und Pfeifen tanzen langsam, plump und absurd die gigantischen Ultimaten Götter, die blinden, stummen, finsteren, irrsinnigen Anderen Götter […]

— Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath

Diese Schilderung klingt wahrlich dämonisch und wer im Cthulhu-Rollenspiel diesen Dämonenfürsten beschwört – ob aus Absicht oder Unwissenheit – wird mit Sicherheit kein gutes Ende finden.

Interessanterweise wird Yog-Sothoth, obwohl quasi der Kompagnon von Azathoth und nicht minder fürchterlich, explizit nicht in einen dämonischen Kontext gesetzt. Während Azathoth “real” in der Mitte des Universums anzutreffen ist, existiert Yog-Sothoth zwischen den Dimensionen unserer Existenz.

Yog-Sothoth kennt die Pforte. Yog-Sothoth ist die Pforte. Yog-Sothoth ist der Schlüssel und der Wächter der Pforte. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, alle sind sie eins in Yog-Sothoth.

— Das Grauen von Dunwich

Der dritte im Bunde, von dem bereits die Rede war, ist Nyarlathotep. Er ist die Seele und der Bote der Götter vom Hofe Azathoths und mischt sich im Gegensatz zu diesen stärker in die Belange der Menschen ein. Dazu tritt er in verschiedenen Gestalten auf, verkörpert zahlreiche Avatare, trägt unterschiedliche Masken.

Nyarlathotep … das kriechende Chaos … Ich bin der letzte … Ich werde es der lauschenden Leere verkünden …

— Nyarlathotep

Dämonischer Stern

Eine besondere Erwähnung verdient ein spezieller Stern namens Algol, der auch der Dämonenstern genannt wird.

[…] you on earth have unwittingly felt its distant presence—you who without knowing idly gave to its blinking beacon the name of Algol, the Daemon-Star.

— Beyond the Wall of Sleep

Dämon des Tals

Als Daemon of the Valley wird in dem Prosagedicht Memory (Erinnerung) über eine Wesenheit berichtet, die in den Traumlanden im Tal von Nis lebt, dort wo der Fluss Than sein schleimiges Wasser hinträgt.

Dämonische Stadt

Weiter in den Traumlanden findet sich die Stadt Thalarion. In ihr, so heißt es, wandelten nur Dämonen.

Thalarion, die Stadt der Tausend Wunder, haben viele betreten, aber keiner ist zurückgekehrt. In ihr wandeln nur Dämonen und irrsinnige Wesen, die keine Menschen mehr sind, und die Straßen sind weiß von den unbestatteten Gebeinen jener, die auf das Eidolon Lathi geblickt haben, das über die Stadt regiert.

— Das Weiße Schiff

Dämonisches Wissen

Neben konkreten Dingen bezeichnet HPL auch das Wissen um den Mythos als dämonisch.

Im Dunkeln blitzten vor meinem inneren Auge Bruchstücke meines gehüteten Wissens dämonischer Gelehrtheit auf; Zitate von Alhazred, dem wahnsinnigen Araber, Absätze aus den apokryphen Albträumen des Damascius und ruchlose Zeilen aus dem fiebergeborenen Image du Monde von Gauthier de Metz. Ich sagte sonderbare Auszüge auf und wisperte von Afrasiab und den Dämonen […]

— Stadt ohne Namen

Dämonische Musik

In Die Musik des Erich Zann öffnet der namens gebende Musiker ein Tor in den Hof des Azathoths, dessen Anblick der Protagonist zu seinem Unglück erspähen muss.

[…] vor mir das dämonische Chaos und hinter mir der Irrsinn der Geige, die in die Nacht hinausschrie.

Dämonischer Arzt

Insbesondere die Geschichte um Herbert West – Reanimator (Der Wiedererwecker; übrigens erstaunlich gelungen verfilmt worden) ist sehr großzügig mit dämonischen Dingen besetzt worden. Das zweite Kapitel nennt sich denn auch gleich The Plague-Daemon und auf den 18 Seiten taucht der Wortstamm “daemon” achtmal auf. Wer die Geschichte oder den Film kennt, weiß warum.

Dämonischer Schriftsteller

Autor des Necronomicons ist der Araber Abdul Alhazred. In The Hound (Der Hund) wird er wie folgt gekennzeichnet.

All too well did we trace the sinister lineaments described by the old Arab daemonologist; lineaments, he wrote, drawn from some obscure supernatural manifestation of the souls of those who vexed and gnawed at the dead.

Da sich diese Arbeit durchaus aufwändiger als gedacht darstellt, beende ich diesen Part an dieser Stelle und vertage die Fortsetzung auf ein anderes Mal.

Fthagn!

Ein Gedanke zu „Von Dämonenfürsten und anderen blasphemischen Dingen“

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