Strategie und Taktik im Rollenspiel – Vom Kriege

Es ist immer noch Karneval der Rollenspielblogs und immer noch ist Strategie und Taktik im Rollenspiel das Thema, welches aktuell vom Gelben Zeichen moderiert wird. Im ersten Teil dieser voraussichtlich dreiteiligen Serie wurde sich mit der Kunst des Krieges auseinandergesetzt. Dieser zweite Abschnitt widmet sich dem Werk von Carl von Clausewitz mit dem Titel Vom Kriege. Dieser verhält sich in etwa zu Die Kunst des Krieges von Sunzi wie GURPS zu Savage Worlds. Ich hoffe, beide Personen bleiben bei dieser Aussage in ihren Gräbern liegen und beide Systeme können mit diesem Vergleich leben. 😉

Während Sunzi sehr generelle Ansichten vermittelt und selten ins Detail geht, formuliert von Clausewitz eine feingliedrige Unterteilung seiner Thesen zu Strategie und Taktik. Auf acht Abschnitte verteilt, mit vielen Dutzend Kapiteln, widmet sich der Autor zunächst der Natur und Theorie des Krieges und konkretisiert anschließend einzelne Elemente wie das Gefecht, die Verteidigung oder den Angriff auf mehreren Hundert Seiten. Man mag die preußische Gründlichkeit hier sprichwörtlich im Umfang des von ihm unvollendeten Werkes spüren.

Ein für das Rollenspiel nun weniger interessanter Aspekt soll hier trotzdem noch genannt sein. Seine wegweisende These Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln führt direkt zu dem Konzept, welches als Primat der Politik in der Politikwissenschaft diskutiert wird. Dabei wird unterstellt, dass der Zweck eines Krieges immer einer politischen Absicht folgt. Aus seiner Sicht ist das Militär damit ein der Politik untergeordnetes Element, welches zur Erfüllung der zuvor benannten Absicht eingesetzt wird, aber über keinen Selbstzweck verfügt.

Zurück zum Spieltisch. Zurück zum Thema des Karnevals.

Während Sunzi seine Definition von Strategie und Taktik sehr wohlgefällig in einem Satz zusammenfasst, nähert sich Clausewitz dem ganzen preußisch akribisch. Als Generalmajor führte er bis 1831 Streitkräfte in den Kampf bzw. ließ diese führen. Das einzelne Gefecht hatte für ihn eine zentrale Rolle hierbei. Taktik war für ihn daher die Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht. Strategie dagegen die Lehre vom Gebrauch der einzelnen Gefechte zum Zwecke des Krieges.

Ein ganz essentielles Konzept, das Clausewitz formuliert, ist das der Friktion.

Es ist alles im Kriege sehr einfach, aber das Einfachste ist schwierig.

Diese abstrakte Vorstellung von all den Widrigkeiten, die in einem guten Plan und derer, die ihn ausführen, stecken, bezeichnet Clausewitz als Friktion. Das kann das plötzlich schlechte Wetter sein, die verdorbenen Nahrungsmittel, die leider mondhelle Nacht. Friktion macht das Abenteuer für die Spieler erst zu einer wirklichen Herausforderung. Einem Drachen gegenüber zu treten und zu wissen, dass man keine Chance hat, mag nur bedingt spannend sein. Die Schmugglerbande zu stellen und festzustellen, dass diese in Wirklichkeit einem riesigen Kult angehört, fiese Rituale durchführt und der Rückweg plötzlich versperrt ist, erzeugt vermutlich deutlich größere Wirkung.

Ein weiteres, zum Überbau seiner Thesen gehörendes Element ist die Bewertung von Angriff und Verteidigung. Clausewitz hielt die Verteidigung für die überlegene Kampfform, da sie in seinen Augen ressourcenschonender als der Angriff war. Dies hat natürlich mit der zu seiner Zeit verfügbaren Technologie zu tun und ist heutzutage mindestens einmal zu hinterfragen. Dennoch kann für das Rollenspiel am Tisch hieraus die Erkenntnis gewonnen werden, dass beide Formen eklatante Unterschiede in ihrer Taktik aufweisen. Clausewitz breitet dies auf vielen Seiten aus und wer nachlesen möchte, wie bspw. der Angriff von Morästen, Überschwemmungen und Wäldern funktioniert, der kann das in Vom Kriege finden. Gleiches gilt dann auf der anderen Seite für die Verteidigung derselben. 🙂

Eine ebenfalls wichtige Erkenntnis, die auch heute noch Gültigkeit hat, ist der möglicherweise banal klingende Satz:

Die beste Strategie ist: immer recht stark zu sein, zuerst überhaupt und demnächst auf dem entscheidenden Punkt.

Clauswitz bezeichnet dies als Sammlung der Kräfte im Raum. Dies kann insbesondere für die Spielergruppe interessant sein, da sie vermutlich bei einem starken Gegner eben nicht “überhaupt recht stark” ist, sondern “auf dem entscheidenden Punkt” stark sein sollte. Hier muss man als Spielleiter entsprechende Möglichkeiten und Alternativen schaffen.

Zu guter Letzt ist Vom Kriege erheblich schwerere Kost als Von der Kunst des Krieges. Während letzteres durchaus für fast alle Spielleiter interessant sein könnte, so ist das Werk von Clausewitz wohl eher für richtige Simulationsspieler interessant, deren Gruppen Spaß an taktischen Herausforderungen auf der Battlemap haben. Für diese allerdings hält das Buch einiges bereit.

Im letzten Teil dieser Serie wird Der Fürst von Niccolò Machiavelli in Augenschein genommen.

7 Gedanken zu „Strategie und Taktik im Rollenspiel – Vom Kriege“

  1. Schöner Artikel! Insbesondere der Aspekt der Simulationsspiele aber auch die Verteidigung unsicheren Bodens gefallen mir. Auch wenn es in Cthulhu für die Charaktere die beste Möglichkeit jung zu sterben ist, wenn sie sich Kämpfen stellen 😉

  2. Interessant ist in dieser Hinsicht auch die Unterscheidung von Strategie und Taktik. Strategisch vorgehen kann nur wer sich bereits in einer Position der Macht befindet, d.h. er kann das Feld vorgeben, auf dem die Handlung stattfinden wird. Der Unterlegene muss sich mit der Taktik “begnügen”, d.h. muss innerhalb des ihm auferlegten Rahmens, unter Druck und mit begrenzten Ressourcen versuchen, durch Klugheit und List zum Erfolg zu kommen.

    Wenn man sich diese Unterscheidung und ihre Macht-Hierarchie bewusst macht, kann das sehr dabei helfen, Handlungen der NSCs wie auch der Spielercharaktere besser zu planen, darzustellen, ermöglichen etc.

    1. Und da es sehr schwer ist, aufgrund der Friktion und des Nebels des Krieges als Spielergruppe eine Position der Macht zu erreichen, kann der Weg dahin eine schöne Motivation und Aufhänger für tolle Abenteuer darstellen. Und um so erfüllender ist der Sieg bzw. das erfolgreiche Beenden der Geschichte, wenn die Gruppe durch viele Widrigkeiten gegangen ist.

Schreibe einen Kommentar