Strategie und Taktik im Rollenspiel – Über die Kunst des Krieges

Der Monat Juni hält im Karneval der Rollenspielblogs das Thema Strategie und Taktik im Rollenspiel bereit. Moderiert wird das ganze von Sorben vom Gelben Zeichen. Diesem durchaus schwergewichtigen Themenkomplex möchte ich eine vo­r­aus­sicht­lich dreiteilige Artikelserie widmen, die sich mit verschiedenen klassischen Werken von Militärtheoretikern auseinandersetzt.

Wenn man die Worte Strategie und Taktik vernimmt, kommen einem möglicherweise die Namen Sunzi (häufig auch als Sun Tzu tituliert), Niccolò Machiavelli oder Carl von Clausewitz in den Sinn. Ersterer hat etwa 500 v. Chr. Die Kunst des Krieges verfasst, während letzterer Anfang der 1820er Jahre Vom Kriege schuf. Beide Werke gehören auch heute noch, insbesondere im militärstrategischen Bereich, zur Pflichtlektüre. Kann man trotz ihres Alters und des kriegerischen Hintergrunds als Rollenspieler im Allgemeinen, respektive Spielleiter im Besonderen, Erkenntnisse daraus gewinnen?

Vorbemerkungen

Vorweg 1W3 Klarstellungen zu dem folgenden Diskurs.

  1. Es handelt sich beim Pen-&-Paper-Rollenspiel logischerweise nicht per se um Kriegssimulationen (mit Betonung auf Krieg), auch wenn das Hobby in den 1970er Jahren durch Herrn Gygax und seinem Dungeons & Dragons aus sogenannten Konfliktsimulationsspielen hervorgegangen ist. Immerhin nannte er seinen Verlag einst TSR (Tactical Studies Rules), welcher später von Wizard of the Coast aufgekauft wurde. Gleichwohl gibt es in nahezu jeder Rollenspielrunde Konflikte, die alle eine strategische/taktische Komponente haben und häufig, aber nicht ausschließlich, mit Waffengewalt gelöst werden. Insofern ist ein Übertragen von realen Kriegstaktiken auf die gespielten Erlebnisse im Rollenspiel nicht gänzlich abwegig.
  2. Durch den Spielleiter als quasi allwissender Vertreter aller NSC-Fraktionen gegenüber den Spielern, ist ein Taktieren der Spieler mittels Geheimhaltung, Verschleierung und anderen psychologischen Elementen natürlich nur bedingt möglich. Der Spielleiter muss an dieser Stelle eine weitreichend neutrale Position einnehmen, damit sein Informationsvorsprung durch die (zumeist) offene Kommunikation mit den Spielern und der Spieler untereinander nicht zu deren Nachteil gereicht. In der Realität haben sowohl Spielleiter als auch Spieler ein gemeinsames Interesse an einem spaßigen Abend und daher befruchten die Ideen und Diskussionen der Spieler im Allgemeinen auch die Entscheidungen des Spielleiters zum Positiven.
  3. Die Analyse der oben genannten Werke in diesem Rahmen ist unvollständig und subjektiv. Alles andere würden den Rahmen eines Blogpostings sprengen.

Die Kunst des Krieges

Aus Sicht des Spielleiters bietet Sunzi´s Werk einiges, um selbstsicheren und unvorsichtig agierenden Spielern das Leben in einer taktischen Situation zu erschweren. Dazu lassen sich die von ihm herausgearbeiteten Erkenntnisse einfach in ihr Gegenteil verkehren. So beschreibt er die fünf wesentlichen Voraussetzungen für einen Sieg wie folgt. Es wird derjenige den Sieg davon tragen,

[…] der weiß, wann er kämpfen muß und wann nicht.
[…] der weiß, wie er mit überlegenen und unterlegenen Streitkräften verfährt.
[…] dessen Armee in allen Rängen vom gleichen Geist beseelt ist.
[…] der gut vorbereitet darauf wartet, den unvorbereiteten Feind anzugehen.
[…] der militärisch fähig ist und nicht mit der Einmischung seines Herrschers rechnen muß.

Hier bieten sich bereits ohne langes Nachdenken unmittelbare Widrigkeiten an, mit denen man seine Spieler auf Trab halten kann:

  • Den Zeitpunkt einer Aktion, auf den sich die Spieler geeinigt haben, ändern.
  • Die Stärken/Schwächen der NSC im Ungewissen lassen.
  • Der demotivierte/übermotivierte NSC, der von den Spielern gemanaged werden muss.
  • Zur Vorbereitung war keine Zeit, beim Gegner leider schon.
  • Der Auftraggeber schaltet sich unvermittelt in letzter Sekunde ein und wirft de Plan über den Haufen.

Siehe dazu auch den Beitrag 1W10 Cthuloide Widrigkeiten für wahnwitzige Wendungen und widerliche Willensanstrengungen.

Neben der Diskussion verschiedener Verhaltensweisen in unterschiedlichem Gelände, dem Führen seiner Armee im Großen wie im Kleinen oder dem Erlangen des Vorteils bei unterschiedlichen Gegnern, legt Sunzi sehr viel Wert auf die Psychologie.

Jede Kriegführung gründet auf Täuschung. […]

Lege Köder aus, um den Feind zu verführen. Täusche Unordnung vor und zerschmettere ihn. Wenn der Feind in allen Punkten sicher ist, dann sei auf ihn vorbereitet. Wenn er an Kräften überlegen ist, dann weiche ihm aus. Wenn dein Gegner ein cholerisches Temperament hat, dann versuche ihn zu reizen.

Auch aus diesen Erkenntnissen kann ein Spielleiter Kapital schlagen und sie gegen seine Spieler verwenden, um eine Situation interessant zu gestalten. Der Fokus liegt hier – wie bei allen anderen Punkten auch – gemeinhin nicht darauf, einen Total Party Kill herbei zu beschwören, sondern die taktische Herausforderung zu erschweren.

Ebenfalls gilt natürlich der eingangs erwähnte Punkt, dass zwar ein Spielleiter seine Spieler täuschen kann, doch anders herum die Sache relativ schwierig werden dürfte. Immerhin ist der Spielleiter im Besitz aller Informationen, sein Situationsbewusstsein ist also allumfassend. Dadurch hat er normalerweise alle taktischen Vorteile auf seiner Seite. Um dennoch die Taktiken der Spieler zu honorieren, kann (und sollte) ein Spielleiter auf entsprechende Fertigkeitswürfe seiner NSCs zurückgreifen. Einen Hinterhalt kann der gegnerische NSC bspw. per Wahrnehmung erkennen, wenngleich vielleicht mit erheblichen Malus aufgrund der guten Planung seitens der Spieler. Somit tritt der Spielleiter in der Rolle eines Moderators auf und interpretiert die taktische Qualität der Aktionen aller Parteien.

In all deinen Schlachten zu kämpfen und zu siegen ist nicht die größte Leistung. Die größte Leistung besteht darin, den Widerstand des Feindes ohne einen Kampf zu brechen.

Auch dieser Ratschlag sollte sich in jedem (guten) Abenteuer wiederfinden und kann nicht genug betont werden. Den Spielern Alternativen anzubieten bzw. durch die geplanten oder bereits durchgeführten Aktionen der Spieler Alternativen spontan zu finden, ist eine hohe Kunst des Spielleitens.

In diesem Zusammenhang hat auch Sunzi im Grunde genommen bereits die Diebesklasse vorweggenommen. 😉

Oh, die göttliche Kunst der Geschicklichkeit und Verstohlenheit! Durch sie lernen wir, unsichtbar zu sein, durch sie sind wir unhörbar, und damit halten wir das Schicksal des Feindes in unserer Hand.

Sie ist ein wesentliches Element aller Auseinandersetzungen und soll die Schwachpunkte eines Gegners treffen. In vielen Abenteuern ist der Aspekt der Verstohlenheit (sprich Kommandoaktion) die deutlich interessantere Alternative zum großen Schlachtfeld.

Zum eigentlichen Thema des Karnevals, nämlich Strategie und Taktik, hat Sunzi folgende Einschätzung getroffen.

Alle Menschen können die einzelnen Taktiken sehen, die eine Eroberung möglich machen, doch fast niemand kann die Strategie sehen, aus welcher der Gesamtsieg erwächst.

Auch dies trifft für das Spielleiterwissen zu und ist ein essentielles Mittel, um Spannung in einer Kampagne aufzubauen. Die Taktiken für einzelne Abenteuer mögen (und sollten) sich abwechseln, die Strategie – die Haupthandlung – erst am Ende enthüllt werden.

Die von Sunzi verfassten Grundsätze mögen am Ende trivial erscheinen, aber sie sind bereits fast 2.500 Jahre alt. Insofern basieren anders herum betrachtet viele Elemente im Rollenspiel auf militärtheoretischen Aspekten, die schon seit langem bei der Bewältigung von Konflikten zum Einsatz kamen und immer noch kommen.

Legt man neben diese Erkenntnisse das oberste Prinzip des Pen-&-Paper-Rollenspiels daneben, gemeinsam eine schöne Zeit zu haben, so finden sich als Spielleiter viele Anregungen, um spannende Herausforderungen und unerwartete Situationen für die Spieler zu schaffen. Und dies ist in erster Linie zunächst einmal zu begrüßen.

Der nächste Teil wird sich mit der Arbeit von Carl von Clausewitz beschäftigen.

9 Gedanken zu „Strategie und Taktik im Rollenspiel – Über die Kunst des Krieges“

  1. Schöner Beitrag! Die Kunst des Krieges ist für amerikanische Offiziere auch Pflichtlektüre. Ehrlich gesagt, bin ich auch ein großer Freund des Büchleins. Auf youtube gibt es auch eine tolle Lesung. Ich freue mich auf Clausewitz 🙂

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