Strategie und Taktik im Rollenspiel – Der Fürst

Der Juni-Karneval der Rollenspielblogs geht so langsam in die Endrunde. Thema ist bekanntermaßen Strategie und Taktik im Rollenspiel vom Gelben Zeichen. Im ersten Teil dieses Dreiteilers ging es um Die Kunst des Krieges von Sunzi, darauf folgte Vom Kriege von Carl von Clausewitz. Der nunmehr dritte und letzte Teil der Serie widmet sich dem Werk von Niccolò Machiavelli namens Der Fürst. Während Vom Kriege quasi Tipps für die Schlammzone bereithält und sich Sunzi eher grundsätzlicher (und asiatisch zurückhaltend) dem Thema Strategie und Taktik nähert, lässt sich Der Fürst jenseits davon verorten. Es ist ein Handbuch für die Erschaffung fieser Intrigen und gehaltvoller Handlungsbögen und damit ein perfekter Leitfaden für den Abenteuer- und Kampagnenentwurf.

Niccolò Machiavelli lebte von 1469 bis 1527 Florenz. Zu dieser Zeit war Italien in viele kleine Königreiche und Fürstentümer zersplittert und Machtspiele und Intrigen waren an der Tagesordnung. Machiavelli selbst bewegte sich unter den einflussreichsten Menschen seiner Zeit, allen voran den Medici, ohne jedoch über eigene Macht zu verfügen. Als er das Schicksal seiner Heimat der Bedeutungslosigkeit anheim fallen sah, schrieb er sein Werk Der Fürst und diente es verschiedenen Persönlichkeiten an, wohl wissend, dass er selbst niemals alleine eine Veränderung im Staate bewegen würde können. Dabei ist das Büchlein so geschrieben, dass es als Handbuch für den gemeinen Fürsten daher kommt. Machiavelli hat tunlichst vermieden, irgendeine Rolle darin zu spielen. Das macht die Schrift so einzigartig und sein Vorhaben so perfide geplant und ausgeführt. Schließlich geht es um Machterreichung und -erhaltung.

Der Fürst ist in 26 Kapitel unterteilt und kommt insgesamt überschaubar auf etwas mehr als 50 Seiten daher. In den ersten Kapiteln seziert Machiavelli die verschiedenen Arten von Fürstentümern und wie man an sie gelangt. So lassen sie sich bspw. erben, erobern oder fallen durch Glück oder Frevel in die eigenen Hände. Für alle diese Eventualitäten skizziert der Autor verschiedene Herangehensweisen, wie am besten mit der Bevölkerung dieser Fürstentümer zu verfahren sei. Und hierbei ist er nicht zimperlich. Die Anwendung von Gewalt, bspw. zur Ausrottung der alten Herrscherfamilie, ist ihm ein probates Mittel, was auch zur allgemeinen Kritik an seiner Person beigetragen hat.

Noch kann man es auch Tugend  nennen,  wenn  Einer  seine Mitbürger mordet,  die  Freunde  verrät,  ohne  Treue  und Glauben,  ohne Mitleid und  Religion  ist, welche Sitten ihm wohl Herrschaft, aber nicht Ruhm erwerben  können.

Machiavelli betrachtet ein solches Vorgehen ganz nüchtern und wertet es moralisch bspw. im Vergleich mit militärischer Kriegskunst auf dem Schlachtfeld nicht ab oder auf. Es ist für ihn ein Mittel zum Zweck der Machtgewinnung und -erhaltung. Gleichwohl erkennt er an, dass Barbarei und Blutgier kein löbliches Vorgehen sind und, so sie denn zum Einsatz kommen, nur direkt zur Erfüllung des unmittelbaren Zwecks angewendet werden sollten.

Man findet also in diesen anfänglichen Kapiteln Handlungsmuster für größere Abenteuer und Kampagnen; sie verleihen der Motivation von handelnden Mächtigen Tiefe und Bedeutung. Wenn man also ein freies Land bspw. durch einen Bösewicht überfallen lässt, dann hält Der Fürst hierfür die richtigen Tipps parat, wie dieser Bösewicht, sofern er fähig genug ist, sich weiter verhalten würde.

Wenn […] erworbenen Staaten nach  ihren  eigenen  Gesetzen  und  frei  zu leben  gewöhnt  sind,  so  gibt  es  drei  Wege sie  zu  behaupten.  Erste  ist,  sie  zu  Grunde zu  richten;  der  zweite,  persönlich  darin  zu wohnen;  der  dritte,  ihre  Verfassung  ihnen  zu lassen,  indem  man  ein  Jahrgeld  daraus  zieht, und eine Regierung von Wenigen einsetzt, die uns  dieselben  befreundet  erhalte […].

Ab Kapitel 12 behandelt Machiavelli die verschiedenen Arten von Milizen, denen sich ein an die Macht gekommener Fürst bedienen kann.

[…] daß die Waffen, mit welchen ein Fürst seinen Staat  verteidigt,  entweder  ihm  eigen,  oder gemietete,  oder  Hilfswaffen,  oder  gemischte sind.

Sein Verhältnis zu militärischer Stärke war ebenfalls durch Pragmatismus geprägt.

Die Hauptgrundlagen,  die  alle  Staaten,  neue  wie alte oder gemischte, haben können, sind gute Gesetze, und gute Waffen. Und weil, wo nicht gute Waffen sind, auch nicht gute Gesetze sein können, und wo gute Waffen sind, die Gesetze notwendig gut sein müssen […]

Im weiteren Verlauf wird dem angehenden Fürsten nahe gelegt, was die Pflichten im Kriegswesen sind und wie er sich dabei zu verhalten hat.

Kapitel 15 und folgende behandeln wiederum interessante Aspekte über die Art und Weise des Umgangs eines Fürsten mit seinen Untertanen.

Es ist  daher  einem  Fürsten,  der  sich  behaupten will,  nötig,  daß  er  lerne,  nicht  gut  sein  zu können,  und  hievon  Gebrauch  oder  nicht  zu machen, nachdem es not tut.

Für Machiavelli gibt es verschiedene Gegensätze, die einem Fürsten Lob oder Tadel (wie er es nennt) bescheren können, bspw. Freigebigkeit und Kargheit oder Grausamkeit und Milde. Auch hier schwingt sein pragmatischer Ansatz immer wieder durch, gleichwohl er sich einen gütigen und nicht grausamen Fürsten als Leitbild vorstellt. Dennoch erkennt er eindeutig die Notwendigkeit von Härte und Gewalt zur Erhaltung der Staatsordnung an.

Es  darf  daher  ein  Fürst  um  den  Namen des Grausamen sich nicht kümmern, wenn er seine Untertanen einig und treu erhalten will; denn, mit Statuierung sehr weniger Exempel, wird er gütiger sein, als Jene, die aus zu großer Güte  die  Unordnungen  einreißen  lassen,  aus denen Mord und Raub entspringt: denn diese pflegen  eine  ganze  Gemeinheit  zu  kränken: jene  Exekutionen  aber,  die  vom  Fürsten ausgehen,  kränken  nur  einen  Einzelnen.

Um das ganze auf einen Punkt zu bringen, gibt Machiavelli noch folgende Weisheit an.

[…] der  Fürst  bedacht  sei,  alles,  was  ihn verhaßt oder verächtlich macht, zu vermeiden.

[…]

Verhaßt macht ihn vor allem, wie ich  sagte,  die  Raubgier  und  Usurpation  der Güter und der Frauen seiner Untertanen, deren er sich enthalten muß. Und so lange man dem Ehrgeiz einiger Wenigen zu kämpfen, der sich auf vielerlei Art und mit Leichtigkeit bezähmen läßt.  Verächtlich  macht  ihn,  wenn  man  ihn für unstet, weibisch, leichtgesinnt, kleinmütig, unentschlossen hält; wovor ein Fürst, wie vor einer  Klippe  sich  hüten,  und  dahin  streben muß,  daß  man  in  seinen  Handlungen  Größe, Beherztheit, Würde, Festigkeit erkenne; in den Privatgeschäften der Untertanen seinen Spruch unwiderruflich  gelten  machen,  und  sich  in solcher Meinung erhalten, daß niemand ihn zu berücken, noch ihm etwas vorzuspiegeln sich beigehen lasse.

In allen diesen Ausführungen erhält man als Weltenbauer Facetten seiner Protagonisten und Antagonisten serviert, aus denen man schöpfen kann.

In den Kapiteln 21 und folgende thematisiert Machiavelli noch die Sekretäre und Berater von Fürsten. Auch die Schmeichler und Täuscher kommen nicht zu kurz und der geneigte Spielleiter wird auch hier wieder fündig, wenn es um die Motivationen für Nichtspielercharaktere geht.

[…] Schmeichler,  von  denen  die  Höfe  voll  sind: da  die  Menschen  in  ihren  eignen  Sachen  so sehr  sich  wohlgefallen  und  dergestalt  damit selber täuschen, daß sie sich schwer vor dieser Pest  verwahren,  und,  wenn  sie  sich  davor wahren  wollen,  der  Mißachtung  sich  bloß zu  stellen  befahren  müssen.

An diesem Artikel merkt man vielleicht schon, dass die Lektüre des Fürsten nicht nur für Spielleiter und Weltenbauer empfohlen wird, sondern das die dort beschriebenen Prinzipien einem tagtäglich – ob im Beruf oder Alltag – begegnen. Natürlich nicht mit der von Machiavelli geforderten Anwendung von Gewalt und Frevel, jedoch finden sich so einige Verhaltensmuster unserer Mitmenschen – und vielleicht auch unserer eigenen – im Fürsten wieder. Schließlich gibt es kleine Königreiche an jeder Ecke; sie müssen ja nicht immer gleich staatstragend sein. Insofern ist es sehr bereichernd, wenn man Kenntnis von diesem Typus von Akteuren hat und ihre Handlungsmuster einzuschätzen vermag.

Für das Pen-&-Paper-Rollenspiel bietet Der Fürst wie bereits eingangs erwähnt eine große Fülle an Motivationen und Handlungsbögen, die einem Abenteuer oder einer Kampagne Tiefe und Bedeutung verleihen können. Weniger im taktischen Sinne, aber doch als Hauptbeweggrund für eine dann gewählte Strategie. Die Ausarbeitung macht deutlich, welche verschiedenen Gruppierungen es gemeinhin gibt und dies bezieht sich nicht zwangsläufig auf Fürstentümer. Auch die eigene Rollenspielgruppe kann so ein kleines Königreich sein. Nach der Lektüre weiß man immerhin, was zu tun ist… 😉

Und neben aller Ironie an dieser Stelle: “Spiele nicht mit Idioten” ist eine Anwendung von Machiavelli und verfährt – konsequent umgesetzt mit dem Rauswurf des selbigen – nach seinen Prinzipien, die Ordnung im “Staate” aufrecht zu erhalten.

Alle drei betrachteten Werke sind übrigens kostenlos im Netz zu finden.

7 Gedanken zu „Strategie und Taktik im Rollenspiel – Der Fürst“

    1. Hallo Jan,
      habe ich auch überlegt, war mir aber nicht 100%ig sicher, was ich verlinken darf/kann und was nicht.

      Aber der Titel plus “pdf” in der Suchmaschine Deiner Wahl fördert unter den Top 10 Treffern für alle drei betrachteten Werke ein oder mehrere Downloadmöglichkeiten zutage.

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